Naschwerk an den Oster und anderen Feiertagen war früher - nach einer streng eingehaltenen Fastenzeit - etwas Besonderes. Heute, wo jeder Deutsche pro Jahr 36 Kilo Zucker konsumiert, sind Osternester mit Schokohasen und/oder Marzipan- oder Schokoeiern keine große Überraschung mehr. Und für die Zähne ist verstärkter Zuckerkonsum der pure Stress, denn nach dem Genuss von Süßem bilden unzählige Bakterien im Mund aggressive Säuren, die den Zahnschmelz angreifen. Wir haben bei den Fachleuten nachgefragt, wie man die Osterzeit und allgemein die Nascherei ohne Löcher in den Zähnen übersteht. Der Leiter des Informationszentrums Zahngesundheit Baden-Württemberg, eine Einrichtung der Zahnärzteschaft Baden-Württemberg (IZZ), Johannes Clausen hat sich Zeit genommen und geantwortet.

Hallo Herr Clausen, haben Sie heute schon Süßes genascht?
Johannes Clausen: Heute noch nicht, aber es stimmt, dass ich gerne nasche, vor allem Kuchen. Ich weiß schon, dass Süßes Probleme verursachen kann – an den Zähnen und auch an der Allgemeingesundheit. Doch ich achte nach dem Genuss von Zuckerhaltigem auf meine Mundhygiene.

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Das heißt?
Clausen: Um Karies zu verhindern, ist gründliches Zähneputzen wichtig: Zweimal am Tag richtig zu putzen und auch die Zahnzwischenräume zu säubern, ist mir sehr wichtig. Wenn es keine Gelegenheit zum Zähneputzen gibt, hilft auch ein zuckerfreier Kaugummi. Er kann durch den erhöhten Speichelfluss die Säuren im Mund neutralisieren. Ein Ersatz für richtiges Zähneputzen ist er aber auf keinen Fall: Ein Test hat gezeigt, dass nicht einmal 20 Prozent des schädlichen Zahnbelags durch das Kaugummikauen entfernt wurden.

Naschwerk lockt ja in allen Farben, Formen und Geschmacksrichtungen. Nicht nur an Ostern kann man dem nur schlecht widerstehen. Welche Auswirkungen hat das auf die Zähne?
Clausen: Zucker wird im Mund durch Bakterien in Säure umgewandelt, die den Zahnschmelz angreift. Klebrige Süßigkeiten wie etwa Karamellhasen oder Schokoeier haften besonders hartnäckig an den Zähnen und begünstigen in hohem Maße die Entstehung von Karies. Das gilt ganz besonders für Kinder, da deren Milchzähne noch nicht so robust sind wie die Zähne der Erwachsenen. Daher ist es wichtig, den Zuckergenuss in Grenzen halten, damit der Zahnschmelz Zeit hat, sich von den Säureangriffen zu erholen.

Was also tun bei dem überaus großen Angebot an Süßigkeiten?
Clausen: Ein randvolles Osternest verführt geradezu zu ständigem Naschen, was eine Gefahr für die Gesundheit unserer Zähne darstellt. Denn das Kariesrisiko hängt weniger von der Zuckermenge ab als von der Häufigkeit des Konsums von Süßigkeiten. Die Zahnärzte raten daher, den Zähnen zwischen zuckerhaltigen Mahlzeiten Pausen zu gönnen, in denen sie keiner Säureattacke ausgesetzt sind. Das bedeutet, dass man ruhig einmal seine Lieblingssüßigkeiten mit Freude verzehren darf.

Das ist doch eine gute Nachricht.
Clausen: Wer allerdings den ganzen Tag über Nougat-Eier oder Karamell nascht, tut sich und seinen Zähnen keinen Gefallen. Eine gute Alternative sind auch zahnfreundliche und zuckerfreie Süßigkeiten. Zahnschonende Produkte, die man am Zahnmännchen mit dem roten Schirm erkennt, enthalten anstelle von Zucker verschiedene Zuckeraustauschstoffe, aus denen die Bakterien im Mund keine oder nur sehr geringe Mengen von Säure herstellen. 

Und dann kommt der Zahnarztbesuch, dabei haben viele schon beim Gedanken daran die Hosen voll. Geben Sie uns mal einen Rat, damit die Knie nicht ganz so arg schlottern.
Clausen: Heute ist der Zahnarztbesuch dank der hochmodernen Behandlungsgeräte sehr schonend und sollte kaum noch Hemmungen oder Angst verursachen. Zudem wissen die Zahnärzte auch aufgrund ihrer Aus- und Fortbildung – zusammen mit ihrem Praxispersonal – sich auf angstfreie Patienten einzustellen.

Was kann man selber tun?
Clausen: Entspannungstechniken wie eine »Fantasiereise«, in der negative Gefühle ausgeblendet werden und der Patient in Gedanken an seine Lieblingsorte reist, gehören zu bewährten Techniken, um sich abzulenken. Für den »normalen« Patienten gibt es die Empfehlung, vor dem Zahnarzttermin etwas tun, das ihn entspannt. Das Hören von beruhigender Musik kann für mehr Gelassenheit beim Zahnarzt sorgen. 

Es gibt ja bestimmt viele Geschichten aus Zahnarztpraxen über das Verhalten von Patienten. Können Sie uns eine besonders nette Geschichte erzählen?
Clausen: Was mich immer besonders beeindruckt, sind die Berichte von Zahnärzten, die in armen Regionen der Welt, in Krisen- und Katastrophengebieten Hilfseinsätze durchführen. Sie verbringen ihre Freizeit in abgelegenen Bergdörfern im Himalaja oder in der von Naturkatastrophen heimgesuchten Karibik, in Burkina-Faso oder im Amazonas-Urwald.

Gibt es dort auch Süßes?
Clausen: Auch dort haben inzwischen Naschwerk und viel zu süße Getränke Einzug gehalten und die Zähne der Menschen zerstört – vor allem weil sie keine Möglichkeiten zur Mundhygiene haben und nichts von Prophylaxe wissen. Dieses Defizit versuchen die Zahnmediziner bei ihren freiwilligen Einsätzen auszugleichen, mit gespendeten Zahnbürsten und mit Aufklärungsarbeit. Dass sie nach ihren Behandlungen, die oft unter schwierigsten Bedingungen stattfinden, von den Ärmsten der Armen große Dankbarkeit ernten, ist für viele ein großes Geschenk. Und ein Ansporn, wieder in unterversorgten Gebieten der Welt zu helfen, wo man noch nichts von der Schädlichkeit des Zuckers gehört hat.
Interview von Dieter Reisner