Autofahrer müssen im Herbst mit zusätzlichen Gefahren auf den Straßen rechnen: Eine von ihnen ist das erhöhte Risiko von Wildunfällen. In der Saison 2015/2016 ereigneten sich 228 550 Wildunfälle.
3 054 Personen erlitten schwere Verletzungen, 13 kamen ums Leben. 
Wir wollten mehr über das Thema erfahren. Aus diesem Grund haben wir bei Jörg Sautter, Leiter der DEKRA Niederlassung Reutlingen nachgefragt.

Herr Sautter, was ist der Grund für das erhöhte Risiko von Wildunfällen im Herbst?
Sautter: Wildunfälle können sich jederzeit ereignen, aber am größten ist die Gefahr morgens und abends in der Dämmerung, wenn die Tiere ihre Futterplätze aufsuchen. Mit dem Wechsel von Sommer- auf Winterzeit steigt das Risiko zusätzlich, weil dann der Berufsverkehr in der Abenddämmerung häufiger auf kreuzende Rehe, Hirsche und Wildschweine trifft.

Wo ist die Gefahr besonders hoch?
Sautter: Erhöhte Vorsicht ist für Autofahrer vor allem in Waldgebieten, an Waldrändern, an Feldern und dicht bewachsenen Flächen geboten. Hier gilt: mit angepasster Geschwindigkeit fahren und die angrenzenden Bereiche im Blick behalten. 

Was können Fahrer beachten, um einen Wildunfall zu vermeiden?
Sautter: Wie gesagt: Vor allem in der Dämmerung sollte man in diesen Gebieten immer bremsbereit sein. Das dient auch der eigenen Sicherheit. Denn mit steigender Aufprallgeschwindigkeit steigt auch das Risiko, selbst verletzt zu werden. Taucht ein Tier am Straßenrand auf, heißt es: Sofort runter mit dem Tempo, abblenden und hupen. Das kann die Tiere davon abhalten, die Straße zu überqueren. Wenn ein Wildtier auf die Straße springt, sollten Sie das Lenkrad gut festhalten und voll bremsen. Ausweichmanöver enden nicht selten mit einer folgenschweren Kollision mit dem Gegenverkehr oder an einem Baum. Deshalb ist Geradeaus häufig die bessere Alternative. Und wie gesagt: Wer bei in Sachen Geschwindigkeit vorsichtiger ist, hat auf jeden Fall die besseren Karten.

Wie sollten Betroffene vorgehen, wenn es zu einer Kollision kam?
Sautter: War eine Kollision nicht zu vermeiden war, so gilt: Warnblinklicht einschalten, Warnweste überziehen und die Unfallstelle sichern – idealer Weise in beide Richtungen. Das Warndreieck sollte in etwa 100 Metern Abstand aufgestellt werden. Informieren Sie unbedingt die Polizei über den Notruf 110 oder den zuständigen Jagdpächter. Wenn es Verletzte gab, wählen Sie den europaweit gültigen Notruf 112. Wichtig ist, dass Sie keinesfalls selbst verletzten Tieren zu nahe kommen. Sie können in Todesangst ausschlagen und Menschen schwer verletzen. Verendete Tiere nicht mit bloßen Händen anfassen: Es besteht eventuell Tollwutgefahr! 


Was passiert eigentlich mit dem toten Tier? Bekommt der Jäger Jagdpächter mit, dass er nun ein Tier weniger zu schießen hat?
Sautter: Natürlich. Er wird durch die Polizei informiert. Übrigens: Nach einem Wildunfall den vermeintlich günstigen Rehbraten in den Kofferraum zu packen, ist nicht nur wegen der Tollwutgefahr keine gute Idee: Wer Wild mitnimmt, macht sich der Wilderei schuldig und riskiert eine Strafanzeige.

Und wer zahlt den Schaden am Fahrzeug?
Sautter: Schäden am Fahrzeug durch Kollisionen mit Rehen, Hirschen und Wildschweinen sind in der Regel durch die Teilkaskoversicherung gedeckt. Sie werden auf Basis des Polizeiprotokolls und einer Wildunfallbescheinigung reguliert. Als Nachweis empfiehlt sich zusätzlich, die Unfallstelle und die Schäden am Fahrzeug zu fotografieren.

Interview von Isabelle Wurster