Ende des vergangenen Jahrhunderts war es das Thema: die Immunschwächekrankheit Aids galt als unheilbar und war in aller Munde. Mittlerweile ist die Krankheit in den Medien nicht mehr so präsent, bis zum 1. Dezember. Dann ist Aids-Weltgedenktag und verschiedene Interessengruppen und Vereine organisieren Veranstaltungen. So wie auch die Aidshilfe Reutlingen-Tübingen. Wir haben bei der Geschäftsführerin Brigitte Ströbele nach dem Stand der Dinge in Sachen Aids gefragt. 

Hallo Frau Ströbele, kennt die jüngere Generation noch die Krankheit Aids?
Brigitte Ströbele: Davon gehört haben die meisten schon. Aber schon bei der Unterscheidung von HIV und Aids hört es bei vielen auf, übrigens auch bei der älteren Generation.

Was ist der Unterschied?
Ströbele: HIV steht für den Virus, mit dem sich eine Person infizieren kann. Von Aids spricht man erst dann, wenn der Virus den Körper meist nach mehreren Jahren ohne Behandlung so geschwächt hat, dass das Immunsystem zerstört ist und Aids-typische Krankheiten ausbrechen. Da zumindest in Deutschland rund 85 Prozent aller HIV positiven Menschen wissen, dass sie HIV haben und auch Medikamente einnehmen, ist das Krankheitsbild Aids heutzutage glücklicherweise viel seltener geworden.

Wie viel erkranken denn an Aids?
Ströbele: Deutschlandweit etwa 1 000 Menschen an Aids (also nicht an HIV, das sind etwa 3 100 Menschen), die meisten von ihnen, weil ihre Infektion jahrelang unerkannt geblieben ist.

Warum?
Ströbele: Das müsste nicht sein. Interessanterweise sind diese sogenannten »Late Presenter« eher ältere Menschen. Mit unterschiedlichsten Aids-Symptomen haben sie teilweise eine Odyssee bei Ärzten hinter sich und keiner kommt auf die Idee, mal einen HIV-Test zu machen. Wenn dann doch mal ein Test gemacht wird, ist es oft zu spät.

Wie gehen sie damit um?
Ströbele: Wir wollen, dass es sich herumspricht: mit einer HIV-Infektion kann ich ein gutes Leben führen, mit einer normalen Lebenserwartung, vorausgesetzt, ich weiß um meine Infektion und lasse sie so früh wie möglich mit Medikamenten behandeln. Heutige Medikamente unterdrücken den Virus so erfolgreich, dass er nicht einmal mehr nachweisbar ist, was auch bedeutet, dass Menschen unter der HIV-Therapie nicht mehr ansteckend sind. 
Daher wollen wir alle Menschen, die Risikokontakte hatten, ermuntern, sich auf HIV, aber auch andere sexuell übertragbare Infektionen testen zu lassen.

Wo kann man das machen?
Ströbele: Im Gesundheitsamt in der St. Wolfgang Straße in Reutlingen ist dies zweimal wöchentlich anonym und weitgehend kostenfrei möglich, dienstags von 8 bis 10 und donnerstags von 15.30 bis 17.30 Uhr. Zusätzlich bieten wir in der Aidshilfe diese Tests einmal im Monat in unserer Abendsprechstunde in unserem Tübinger Beratungszentrum in der Herrenberger Straße 9 an, das nächste Mal am 5. Dezember. Eine solche Abendtestsprechstunde gibt es auch in Reutlingen, die nächste findet am Montag, 4. Dezember im Gesundheitsamt in der St. Wolfgangstraße von 18.15 bis 20 Uhr statt. 

Wie viel Infizierte gibt es derzeit in Deutschland respektive in der Region?
Ströbele: 88 400 Menschen sind das laut den aktuellen Schätzzahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Davon wissen allerdings 12 700 nichts von ihrer HIV-Infektion. Darunter sind auch Männer, die sich nicht als schwul begreifen, aber immer wieder Sex mit Männern haben. Sie sind den klassischen Safer-Sex Botschaften gegenüber nicht so aufgeschlossen wie klassische Homosexuelle. Diese spezielle Zielgruppe ist für unsere Präventionsarbeit besonders wichtig.

Gibt es darüber Zahlen?
Ströbele: Laut RKI wurden 2016 um die 3 100 neue HIV Infektionen gezählt, davon entfallen rund 2100 auf Männer, die Sex mit Männern haben. Übertragungen durch heterosexuelle Kontakte fallen mit etwa 750 Neuinfektionen niedriger aus, aber sie steigen kontinuierlich an und haben sich seit 2010 verdoppelt. Auch hier in der Region Neckar-Alb leben mehrere hundert Menschen mit HIV. Global gesehen sind das nicht viele: 36,7 Millionen Menschen leben weltweit mit HIV, davon haben nur etwas mehr als die Hälfte Zugang zu wirksamen Medikamenten. Das ist nach wie vor skandalös.

Was ist in diesem Jahr das Schwerpunktthema zum Aids-Weltgedenktag?
Ströbele: Wir wollen Vorurteile und Ängste abbauen, nach dem Motto: »Wir können positiv zusammen leben«. Das ist nicht nur für die Lebensqualität HIV-positiver Menschen entscheidend, sondern hat auch einen nachweisbaren Effekt auf die Testbereitschaft: Je weniger Diskriminierung von HIV-positiven Menschen stattfindet, desto offener sind Menschen, sich auf HIV testen zu lassen.

Ist Aids irgendwann heilbar?
Ströbele: Das wissen wir nicht. Was wir wissen ist, dass eine HIV-Infektion gut behandelbar ist – sofern sie diagnostiziert wird. Seit einigen Jahren gibt es gut verträgliche Medikamente, die die Virusvermehrung unterdrücken. Die Immunschwäche Aids ist gegenwärtig und wahrscheinlich auch absehbar nicht heilbar, aber vermeidbar, sofern die Infektion rechtzeitig diagnostiziert wird. Gegenwärtig ist ein wichtiges Ziel, weltweit möglichst vielen Menschen den Zugang zu den aktuellen HIV Medikamenten zu ermöglichen. Das wäre ein wichtiger Schritt und damit wäre eine gewaltige Veränderung erreicht.
  

 Interview von Dieter Reisner