Das Wohl der Tiere ist in aller Munde, vor allem in Zeiten des Wahlkampfes. Doch die Realität sieht anders aus. Davon kann die 1. Vorsitzende des Tierschutzverein Reutlingen und Umgebung e.V. ein Lied singen. Aus Anlass des Welttierschutztages am 4. Oktober haben wir mit Birgit Jahn über die Situation gesprochen. 

Hallo Frau Jahn, haben Sie selber Tiere?
Birgit Jahn: Natürlich, ohne Tiere kann ich es mir überhaupt nicht vorstellen. Ich habe 2 Hunde und Schildkröten. Zurzeit auch noch zwei kleine Pflegehunde.

Denen geht es sicher gut bei Ihnen, oder?
Jahn: Mein Leben ist auf die Tiere eingestellt. Sie gehören zur Familie und sind ein zentraler Punkt in meinem Leben.

Aber es gibt ja auch Tiere, ob im Stall oder in Haushalten, denen es nicht so gut geht. Wie sieht es ihrer Einschätzung nach in unserer Region mit Tierschutz aus?
Jahn: Wir können nur von dem ausgehen, was wir mitbekommen und das ist bei Weitem nicht alles. Die Zahl der Tierschutzmeldungen über schlechte Haltung oder Misshandlungen hat nicht wesentlich nachgelassen, auch wenn sich nicht alles als wahr herausstellt beziehungsweise das Gesetz zu viel Spielraum gibt, um gegen den Tierhalter vorzugehen. Die Zahl der ausgesetzten Tiere ging leicht zurück, allerdings werden mehr Tiere im Tierheim abgegeben. Immer öfter handelt es sich um kranke oder alte Tiere, die hohe Kosten verursachen und sicherlich auch deshalb ausgesetzt oder abgegeben werden.

Was hat sich in Sachen Tierschutz gebessert in den vergangenen Jahren?
Jahn: Bei allem, was mir einfällt, kann man gleich ein ’aber’ dahinter setzen. Generell ist es so, dass sich Dinge im politischen Tierschutz sehr, sehr langsam und mühevoll durchsetzen. Ob das Nutztiere betrifft oder das Thema Jagd. Bei der Haustierhaltung gibt es viele Menschen, die sich vor der Anschaffung eines Tieres besser informieren und es dann auch artgerechter halten, aber leider immer noch viel zu viele, die es nicht tun. Erfolge in unserer Region sind sicherlich die seit Jahrzehnten durchgeführten Kastrationsaktionen von wild lebenden Katzen. Knapp 600 herrenlose und verwilderte Katzen werden pro Jahr im Tierheim kastriert.

Was muss unbedingt besser werden, nicht nur in Sachen Massentierhaltung?
Jahn: Es gibt sehr viele Baustellen, sowohl bei der Nutztier- als auch der Heimtierhaltung. Bei der privaten Tierhaltung sind das vor allem eine Reglementierung der Anschaffung und Haltung von Exoten, jeder kann sich Reptilien und andere exotische Tiere ohne Probleme im Internet oder auf Börsen zulegen, wie die Tiere gehalten werden, bekommt man nicht mit.

Was wäre noch zu nennen?
Jahn: Wir benötigen dringend eine Kastrations- und Registrierungspflicht für Katzen, denn die Tierheime sind voll von unerwünschtem Nachwuchs. Kleintiere, besonders Meerschweinchen und Kaninchen führen oft ein qualvolles Dasein in viel zu kleinen Käfigen und Gehegen, aber im Handel werden die Dinge weiter angeboten. Das sind nur ein paar Beispiele, die Liste lässt sich leider immer weiter fortsetzen.

Wie erreicht man Menschen, die mit Tierschutz nicht so viel am Hut haben?
Jahn: Den Tierschutz, in diesem Fall das Tierheim, kann jeder mal benötigen. Ob die Katzen der verstorbenen Oma untergebracht werden müssen oder sich ein verletzter Igel im Garten befindet, eine fremde Katze im Keller oder Entenbabys auf dem Betriebsgelände. Man muss nicht unbedingt Tierfreund sein, um in die Verlegenheit zu kommen die Hilfe des Tierschutzes zu benötigen. Wir versuchen zu informieren, zu sensibilisieren und auch Menschen für Tiere zu begeistern. Mit erhobenem Finger, was man alles nicht tun und machen sollte, erreicht man niemanden. Mit Aufklärung und Sympathiewerbung schon.

Tut man seinem Hund etwas Gutes, wenn man ihm ein veganes Hundefutter zum Fressen gibt?
Jahn: Frisst ein Wolf Salat?
Interview von Dieter Reisner