Das Buch steht in den nächsten Tagen im Fokus: Die Frankfurter Buchmesse ist gestartet und überflutet uns wieder mit zahlreichen Neuerscheinungen. Zudem ist am Montag der »Tag der Bibliotheken«. Dieser wurde 1995 vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ins Leben gerufen und soll die Aufmerksamkeit auf die rund 10 000 Bibliothken in Deutschland lenken. Zeit also über die deutsche Lust am Lesen zu sprechen. Und mit wem ginge das aktuell besser als mit der neuen Leiterin der Reutlinger Stadtbibliothek, Beate Meinck? 

Hallo Frau Meinck, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Besuch in einer Bücherei?

Beate Meinck: Das war in meiner Heimatstadt, in Tuttlingen. Ich wurde von meiner besten Freundin aus der ersten Klasse mitgenommen. Die kannte die Stadtbibliothek, weil ihr großer Bruder dort immer Comics ausgeliehen hat. Die Bibliothek hat für mich eine neue Welt aufgemacht, denn zuhause hatten wir nicht so viele Bücher. Ich konnte dort stundenlang sitzen, bin Stammkundin geworden und habe davon irrsinnig viel mitgenommen. 

Wenn Sie dann heute auf Bibliotheken schauen: was hat sich verändert und was ist noch wie früher? 

Meinck: Die Art der Medien hat sich auf jeden Fall geändert. Die Kassette war damals das Audio-Medium Nummer eins, heute läuft alles digital. Der Computer hat Einzug gehalten. Die Medienlandschaft und die Angebote sind vielfältiger geworden. Die klassischen Lesesäle, in denen man extrem leise sein musste, sind eigentlich nahezu verschwunden. Es gibt zwar Räume, in die man sich zurückziehen kann, aber Bibliotheken sind insgesamt offener geworden. Die Menschen sollen sich treffen und unterhalten dürfen. Was sich nicht verändert hat ist, dass es in Bibliotheken immer noch Menschen gibt, die man fragen kann und die einem weiterhelfen, wenn man etwas Bestimmtes sucht. 

Wie schlägt sich das Buch aktuell in der großen Konkurrenz zu anderen Medien und Freizeitbeschäftigungen? Lesen unsere Kinder noch?

Meinck: Lesen ist wie nach wie vor das Kulturwerkzeug Nummer eins in unserer sehr verschriftlichten Gesellschaft. Es gehört einfach dazu, man muss lesen können. Diese reine Technik müssen die Kinder heute ja noch genauso lernen. Dazu kommt: der deutsche Buchmarkt ist einer der größten und vielfältigsten der Welt. Ich glaube es wird immer noch unglaublich viel gelesen. Natürlich gibt es jede Menge Konkurrenz an Freizeitbeschäftigungen, das fängt beim Fahrradfahren an. Das ist eine schöne Beschäftigung aber hält mich auch vom Lesen ab. Es würde aber niemand auf die Idee kommen zu sagen, weil die Kinder zu viel Fahrrad fahren, ist das Lesen gefährdet. Ich denke da existiert ein Miteinander. Ich glaube das Buch ist nicht gefährdet. Aber wir reagieren natürlich auf Veränderungen. 

Stichwort E-Book - hat das Ihre Arbeit in der Bibliothek verändert?

Meinck: Eigentlich ist das E-Book ein neues Medium, das Einzug gehalten hat. Es ist schwierig, dieses Medium in der Bibliothek sichtbar zu machen, wir können es ja nicht ins Regal stellen. Ein Kunde, der hier zur Tür rein marschiert, kann es erst einmal nicht sehen. Daher sind es eher zwei Bibliotheken, eine vor Ort und eine online. Die virtuelle mit der realen Bibliothek zu verzahnen und gleichzeitig eine Bibliothek zu sein – das stellt uns natürlich vor Herausforderungen. Zudem ist es eine ganz andere Art von Produkt, nämlich eine Software und kein Buch. Wir müssen Lizenzen kaufen. Und wenn ein Verlag keine Lizenzen an Bibliotheken gibt, dann können wir das nicht anbieten. Dann ist es schwer für den Kunden zu verstehen, warum wir etwas von der Bestseller-Liste nicht als E-Book haben.

Seit dem 1. Juli leiten Sie die Stadtbücherei Reutlingen. Was ist Ihr erster Eindruck und wie sind Sie in Ihre neue Aufgabe hineingekommen?

Meinck: Meine Vorgängerin ist ja nach 25 Jahren in den Ruhestand gegangen. Das ist dann spannend, wie alle auf den Nachfolger reagieren. Ich bin sehr herzlich im Team aufgenommen worden. Alle sind sehr neugierig und haben Lust, mit mir Dinge zu entwickeln. Ich habe keinerlei verschlossene Türen vorgefunden. Die Bibliothek ist zudem auf einem sehr hohen Level, das macht es für mich sehr spannend und auch ich lerne hier neue Sachen.

Was sind die Herausforderungen in nächster Zeit in Reutlingen?

Meinck: Ich bin immer noch in der Such- und Findephase. Der Plan ist, mit jedem Mitarbeiter ein längeres Gespräch zu führen, da sind wir immer noch dabei. Bis Ende Oktober sind wir hoffentlich mit den insgesamt 60 Mitarbeitern durch. Es sind tolle Menschen hier im Haus, mit denen es Spaß machen wird die Bibliothek in den nächsten Jahren zu begleiten und modern zu halten. Darauf freue ich mich.

Eine Bücherei ist ja schon längst mehr geworden als nur ein Ort mit Büchern. Passt der Begriff überhaupt noch?

Meinck: Aus meiner Sicht schon. Aber ich vermute mal, dass es Entwicklungen in den kommenden Jahren gibt, bei denen der ein oder andere sagt »Das hätte ich jetzt nicht gedacht, dass das auch Bibliothek ist«. Es gibt viele Länder, die uns zeigen, was Bibliotheken alles so können, beispielsweise in Skandinavien oder den Niederlanden. Wir haben da eher noch ein klassischeres Bibliotheks-Bild. Für mich ist eine Bibliothek ein Ort, zu dem ich hingehen und in die Medienwelt eintauchen kann. Ich kann was lernen, aber auch Menschen treffen. Man geht nie dümmer als man gekommen ist. Man nimmt immer was mit, sei es eine neue Information, ein tolles Gespräch oder ein Buch. Das sind für mich Bibliotheken.

Was denken Sie, wie wird die Bücherei der Zukunft aussehen?

Meinck: Die Bibliothek der Zukunft ist für mich ein Haus, in dem sich Menschen aus allen Schichten und Generationen treffen können und in irgendeiner Form Informationen austauschen. Ob über Gespräche, ob sie ein Buch oder nur einen Flyer mitnehmen, oder auch über angebotene Kurse. Auf jeden Fall bleibt die Bibliothek immer ein Ort und wird nie komplett im Internet verschwinden. Wir sind besser als jedes soziale Medium, weil wir echt sind: echte Menschen, echte Sachen, echtes Erleben. Das finde ich unglaublich wichtig. 

Wie viele Bücher lesen Sie persönlich denn? Oder kommt man als Leiterin einer Bibliothek nicht mehr zum Lesen?

Meinck: (lacht) Ja es ist tatsächlich ein Vollzeitjob, den man hier innehat. Aber ich versuche mir meine Lesezeiten zu bewahren, an den Wochenenden oder in den Ferien beispielsweise. Ich lese viel unterwegs, wenn ich in der Bahn bin. Zudem lese ich viel parallel und einiges nicht zu Ende. Wenn mich beispielsweise nur ein bestimmtes Kapitel interessiert, dann lese ich das gezielt. Vor meinem Bett liegen immer fünf bis sechs Bücher herum und ich habe immer mindestens zwei in der Tasche. Gerade lese ich ein ganz tolles Buch, »Hool« von Philipp Winkler. Ich freue mich schon wieder auf den Rückweg mit der Bahn.

    Interview von Torsten Franken