Die Zahl ist eigentlich unglaublich: Hundertausende Kinder sind Opfer von sexueller Gewalt. Und das spielt sich nicht im Nirgendwo ab, sondern hier in Deutschland. Das geht aus einer aktuellen Studie im Auftrag des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hervor. Kaum zu glauben, dass in einem hochentwickelten Land wie dem unseren so etwas noch immer möglich ist. Die Autorin Josefine Barbaric aus Riederich möchte mit ihrem ersten Kinderbuch »Nein, lass das!« Aufklärungsarbeit leisten. Wir haben uns mit ihr unterhalten.

Frau Barbaric, was hat Sie dazu bewogen?
Barbaric: Ich hatte im Herbst 2016 ein erstes kurzes Übungswerk mit dem Titel »Wenn die Seele schmerzt…« geschrieben und habe hierzu Rückmeldungen über meine Autorenseite bei Facebook erhalten. Menschen, die persönlich Kontakt zu mir aufnehmen wollten. Menschen die mir erzählt haben, dass sie in ihrer Kindheit Opfer von sexueller Gewalt geworden sind. Überwiegend Männer!

Bücher zum Thema gibt es ja einige, aber ihr Buch richtet sich vor allem an Kleinkinder. Wo soll es idealer Weise zum Einsatz kommen?
Barbaric: In erster Linie wollen wir Kinder mit unserem Buch sensibel aufklären. Prävention ist nämlich nur dann gut, wenn sie auch diejenigen erreicht, um die es geht! Daher wird Prävention gegen sexuelle Gewalt dort benötigt, wo sie auch hingehört, nämlich in Kinderohren und Kinderaugen. Darum gehört unser Buch in Kinderkrippen und Kindergärten. Hier gibt es nachweislich keine vergleichbaren Präventionsbücher. Denn mit der frühkindlichen Sexualität unserer Kinder sollten wir offen umgehen. Kinder haben das Recht auf Aufklärung – auch ohne die Zustimmung ihrer Eltern.

Statistisch gesehen kommt der Täterkreis oft aus dem heimischen Umfeld. Können Sie das bestätigen?
Barbaric: Ja. Das ist tatsächlich so. Über 70 Prozent der Fälle von sexueller Gewalt finden im engsten sozialen oder familiären Umfeld statt. Der jüngste Fahndungserfolg des BKA hat dies erneut bestätigt. Der Täter hier, der Lebensgefährte der Mutter. Darum stellen wir in unserem ersten Buch auch eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Jungen dar. 

Sie möchten auch Eltern sensibilisieren? 
Barbaric: Selbstverständlich möchten wir Eltern sensibilisieren achtsam zu sein. Auch im Umgang mit anderen Kindern. Denn unter Umständen ist ein Kind aus dem engsten Freundesumfeld des eigenen Kindes betroffen. Menschen brauchen Informationen, denn Informationen sorgen für Transparenz und diese wiederum schafft Schutz und Schutz schafft Sicherheit, für unsere Kinder.

Sie arbeiten mit Irmi Wette von der Konstanzer Puppenbühne zusammen. Deren Stück »Pfoten weg« ist weit über die Ländlesgrenzen hinaus bekannt. Wie kam es dazu?

Barbaric: Wir suchten nach einem geeigneten Kooperationspartner, den wir mit dem Bucherlös unterstützen können. Hier möchte ich mich vor allem bei dem Verein »Future 4 Kids« bedanken, die sofort ihre eigenen Sponsoren für den Buchdruck aktiviert haben. Über Irmi Wette habe ich aus dem Internet erfahren. Sie leistet eine so wichtige und wertvolle Arbeit.

Inwiefern?
Barbaric: Kinderaugen und Kinderohren: Dass erfüllt das pädagogische Figurentheater »Pfoten weg!« von Irmi Wette zu 100 Prozent. Ich habe mir das Stück in Vogt vor kurzem selbst angesehen und war sehr berührt, von dem persönlichen Engagement von Frau Wette. Zudem habe ich dort auch Manuela Dirolf von der Kriminalpolizei Konstanz kennengelernt. Sie ist auch sehr stark in der Prävention tätig. Gemeinsame Projekte sind bereits geplant. So auch ein Infotag in Riederich für 2018.

Die Landesregierung wurde ebenfalls von Ihnen kontaktiert. Mit welchem Ergebnis?
Barbaric: Der Runde Tisch »Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich« hat dem Bund 2011 in seinem Abschlussbericht empfohlen, gemeinsam mit den Ländern und betroffenen Institutionen ein ergänzendes Hilfesystem einzurichten. Die Partei der Grünen hatten dazumal beschlossen, dass jede Landesregierung, an der sie beteiligt sind, einbezahlen wird. Das ist bis heute nicht geschehen. Auf unsere Anfrage weshalb Baden-Württemberg nebst 12 weiteren Bundesländer noch nicht in diesen wichtigen Hilfsfond einbezahlt habe, hat man uns geantwortet, die Konzeption dieses Fonds würde nicht überzeugen und verwies uns an bereits bestehende Systeme, insbesondere der Krankenkassen sowie die Opferentschädigung. 

Tun sie wirklich was?
Barbaric: Augenwischerei! Die Krankenkassen übernehmen, wenn überhaupt, nur einen bestimmten Stundensatz. Therapieplätze sind sehr knapp. Es gibt zu wenig spezialisierte Trauma-Therapeuten und Psychologen und deren Wartelisten sind lang. Von dem langwierigen bürokratischen Akt über die Opferentschädigung mal ganz abgesehen, der für hochtraumatisierte Opfer alleine nicht zu bewältigen ist. Wir sprechen hier über Kinder und Menschen, denen das schlimmste widerfahren ist, was man sich kaum vorstellen mag. Sie benötigen hochspezialisierte Therapien, um wieder im Leben ankommen zu können. Darum muss Prävention kindgerecht, frei von Hysterie und unabhängig von der Zustimmung der Eltern, so früh wie möglich stattfinden.

Ein Teil des Erlöses soll in die Gründung eines neuen Vereins fließen. Gibt es da schon genaue Vorstellungen?
Barbaric: Der Verein ist bereits in Riederich gegründet. Wir sind angewiesen auf Spendengelder und freuen uns über jede finanzielle Unterstützung. Bereits ab einem Euro kann man »Nein, lass das!« unterstützen.        

Interview von Gabi Piehler