Immer wieder hat er seine Grenzen gesucht: Reinhold Messner. Mit fünf stand er auf seinem ersten 3000er, mit 60 durchquerte er die Wüste Gobi. Er bestieg als Erster alle 14 Achttausender und durchquerte die größten Eis- und Sandwüsten der Erde. Jetzt blickt er in seinem neuen Vortrag »Über Leben« zurück auf sieben Jahrzehnte. Nächste Woche kommt Messner nach Reutlingen (siehe Veranstaltungsseite). Auf Großleinwand präsentiert er Fotos und Filmsequenzen über seine Expeditionen, spricht dabei über seine Heimat, seine Familie, seine Bergmuseen, über Freundschaft und Egoismus, und über die Leidenschaft, immer wieder Grenzen zu überschreiten – physisch, mental und menschlich.

Fühlen Sie sich durch altersbedingte Grenzen heute manchmal eingeengt?

MESSNER: Ich habe akzeptiert, dass ich älter werde. Ich tu mich nicht schwer damit, ich kann wirklich nicht jammern. Meine Füße funktionieren, meine Hüfte funktioniert. Ich kann immer noch gehen und klettern – eben auf immer niedrigerem Niveau. Aber ich bin völlig damit zufrieden. Und zum Glück habe ich in meinem Leben mein Selbstwertgefühl nicht nur durch die Besteigung von Bergen aufgebaut, sondern zum Beispiel auch als Autor. Jetzt fange ich an, Filme zu machen. Ich habe eine neue Herausforderung, die ich meinem Alter angepasst habe. Deswegen geht’s mir gut. Wenn ich jetzt sagen würde: Ich muss unbedingt nochmal auf den Everest, das wäre eine Peinlichkeit. Mich da hochziehen zu lassen, wäre nicht unbedingt gut für den Aufbau meines Selbstbewusstseins.

Sie haben wahnsinnig viel geschafft in Ihrem Leben – gibt’s auch was, das auf der Strecke geblieben ist?


MESSNER: Es gibt einige Sachen, aber denen trauere ich nicht mehr nach. Ich bin mit dem, was ich getan habe, sehr zufrieden. In Summe bin ich etwa zehn Jahre lang in der Wildnis gewesen und meine Familie ist mir trotz meiner extremen Anwandlungen geblieben. Obwohl ich sie teils Monate zurückgelassen habe. Das ist ein Glück, das ist nicht mein Verdienst. Aber gerade weil das so ist, bin ich der Letzte, der sich beklagt.

Gibt es Projekte, bei denen Sie sagen: Schade, das hätte ich gerne noch gemacht?

MESSNER: Die Querung der Arktis von Sibirien über den Nordpol nach Kanada. Ich hatte mich 1995 gut vorbereitet. Es war eine kostspielige Geschichte und dann konnte ich es nicht machen (Anm. d. Red.: 1995 stürzte Messner auf Schloss Juval von der Burgmauer und zertrümmerte sich die Ferse). Oder den »Weg durch den Fisch« in der Marmolata-Südwand, den ich mir 1969 angeschaut habe. Heute eine der schwierigsten und schönsten Dolomiten-Klettereien. Den Instinkt für die Linie hatte ich schon. Aber die Schwierigkeit konnte ich mit der damaligen Ausrüstung nicht klettern. Zum Glück haben wir’s nicht versucht, vielleicht wäre ich sonst nicht am Leben geblieben (Anm. d. Red.: Die teils brüchige Kletterroute durch die etwa 1 000 Meter hohe Wand ist mit dem Schwierigkeitsgrad Zehn bewertet, wurde 1981 erstbegangen und erst 1987 frei geklettert). Aber das, was ich am Ende aufgegeben habe, wo ich gesagt habe, dafür fehlt mir das Können, dafür fehlt mir die Kraft, das hat mich auch weitergebracht in meiner Erfahrung.

Was war denn ihre letzte Bergoder Klettertour?

MESSNER: Voriges Jahr haben wir die Neunerspitze-Nordwand in den Dolomiten gemacht, heuer war ich an der Südseite der Sellatürme zum Klettern mit meiner Tochter. Es ist ja heute so, dass ich mitgenommen werde und nicht mehr so, dass ich die anderen mitnehme. Es hat sich alles umgedreht. Aber das ist auch schön. Sehr schön.

Normalerweise heißt es ja, der Berg wird immer da sein. Jetzt sind Sie 71 und immer noch da. Angesichts von Gletscherrückgang und Felsstürzen sei da die Frage erlaubt: Gibt es Routen, die Sie einst begangen und inzwischen überlebt haben?

MESSNER: Der Bonatti-Pfeiler an der Dru ist weg. Der ist einfach verschwunden. Den habe ich gemacht und jetzt praktisch überlebt. Oder die Livanos-Verschneidung am Cima su Alto in den Dolomiten – 2013 einfach runtergebrochen. 400 Meter hoch, 80 Meter breit und 40 Meter tief. Der ganze Pfeiler, den ich früher geklettert bin, liegt heute als Schotter im Kar. Den schwindenden Permafrost, der aus großen Wänden riesige Stücke abbrechen lässt – das hat es früher nicht gegeben. Und wenn es so weiter geht mit der globalen Erwärmung, werden wir auch das ewige Eis in den Alpen verlieren – allerdings nicht das erste Mal. Im Mittelalter war weniger Eis als heute und zu Ötzis Zeiten war es noch viel weniger. Aber der Mensch hat da sicherlich sein Zutun.

Was hat sie mehr ans Limit gebracht – der Berg oder die Menschen?

MESSNER: Die Berge haben mich natürlich rein physisch mehr ans Limit gebracht, aber ich habe auch mit den Menschen meine Erfahrungen gemacht und es gibt ein paar, die muss ich nicht unbedingt wiedersehen. Aber inzwischen sage ich das mit großer Gelassenheit. Im Spiegelbild des anderen – bei Freundschaften, aber auch Auseinandersetzungen – kann man sich ja besser begreifen. Insofern waren mir die Menschen mindestens so wichtig wie die Berge.

Sie haben gesagt: »Ich gehe freiwillig in die Hölle.« Was war denn Ihre ganz private Hölle – als Ihr Bruder am Nanga Parbat verschwunden war, als Ihnen die Zehen amputiert wurden, oder vielleicht Ihre Zeit als Grünen-Abgeordneter im EU-Parlament?

MESSNER: Nein, nein, nein. Natürlich ist das ein schlimmes Erwachen, wenn Sie erfahren, die Zehen werden Ihnen abgeschnitten. Aber das dauert ja wochenlang, bis sie dann tatsächlich amputiert werden können. Währenddessen bin ich dem mit großer Sachlichkeit gegenübergestanden. Auch die Trauer um meinen Bruders kam erst, als ich wieder zu Hause war. Während es passierte, war ich gefangen von den Notwendigkeiten. Das Sterben wäre im Grunde das Einfachste in solchen Situationen. Die Hölle - das ist eine Umgebung, die im Prinzip nicht für Menschen gemacht ist. Wo das eigene Leben dauernd extrem bedroht ist. Und da bin ich freiwillig hin – drei Monate bei Minus 40 Grad durch die Antarktis, in dem Wissen, dass ich nicht mal eine Stunde stehenbleiben kann, sonst erfriere ich.

Inzwischen ist der letzte Berg bestiegen, die letzte Wüste durchquert, das letzte Museum gebaut – Sie haben alles erledigt. Was machen Sie jetzt?

MESSNER: Ich habe am Mount Kenia als Regisseur einen Film angefangen über ein Bergunglück, das sich 1970 ereignet hat. Die Geschichte heißt »Still alive« und handelt von zwei jungen Ärzten, von denen einer nach einem Sturz fast nicht mehr zurückgekommen wäre. Bis der Film fertig ist, dauert es aber sicher noch ein halbes Jahr.

Interview von Sven Bernhagen

 

Vita: Reinhold Messner wurde am 17. September 1944 in Brixen/Südtirol geboren. In Bozen ging er zur Schule. Nach seinem Technik-Studium in Padova arbeitete er kurze Zeit als Mittelschullehrer, ehe er sich ganz dem Bergsteigen verschrieb. Rund 100 Erstbegehungen gehen auf sein Konto. Zwischen 1970 und 1986 bestieg Messner als Erster alle 14 Achttausender. Am Nanga Parbat verlor er 1970 seinen Bruder Günther durch eine Lawine. Ihm selbst mussten später sieben erfrorene Zehen amputiert werden. Weltweit bekannt wurde Messner durch die Erstbesteigung des Mount Everests ohne künstlichen Sauerstoff im Alter von 33 Jahren. Messner lebt auf der Burg Juval im Vinschgau sowie in Meran. Er hat vier Kinder und ist verheiratet mit Sabine Stehle.