Bordelle und Betreiber sollen künftig stärker kontrolliert werden. Eigens dafür tritt am 1. Juli ein neues Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Wie realistisch das ist und was die Prostituierten davon haben, wollten wir von Sabine Constabel, 1. Vorsitzende Sisters eV., wissen.

Was steckt hinter dem Gesetz?
Constabel: Die Politik konnte nicht länger ignorieren, dass in Deutschland der Prostitutionsmarkt und der Menschenhandel boomt, gleichzeitig aber keine Regeln für Bordelle und Sexkäufer aufgestellt sind. Über 90 Prozent der Frauen, die hier vermarktet werden, stammen aus dem Ausland und die allermeisten von ihnen gehen nur aufgrund großer Not, Armut und Zwang der Prostitution nach. 

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Und nun?
Constabel: Mit dem ProstSchutzGesetz werden nun erstmals Regeln für die Bordellbetriebe aufgestellt. Bisher konnten sogar verurteilte Menschenhändler ein Bordell betreiben. Das ist nun nicht mehr möglich.

Was ist neu?
Constabel: Eine sehr wichtige Neuerung ist die Anmeldepflicht für Prostituierte. Bisher ist Prostitution in Deutschland ein einziges riesiges Dunkelfeld. Das wird mit diesem Gesetz auf jeden Fall kleiner werden.

Und wie wird’s umgesetzt?
Constabel: Im Rahmen des Anmeldeverfahrens werden die Frauen auch über Hilfsmöglichkeiten informiert und erfahren damit, wohin sie sich wenden können, wenn sie Unterstützung benötigen. Und sie bekommen eine Gesundheitsberatung und hoffentlich auf Wunsch auch eine kostenlose Untersuchung. Das ist sehr wichtig, da die meisten Frauen nicht krankenversichert sind.

Im Ländle sollen die Kontrollen Ordnungs- und Gesundheitsämter übernehmen. Stimmt das?
Constabel: Ja, soweit ich weiß, ist das so geplant.

Ist ja eigentlich ein Witz, denn dieser Aufgabenbereich ist doch ganz klar Polizeiarbeit oder nicht?
Constabel: Wir sehen es genauso. Das Prostitutionsmilieu und das kriminelle Milieu überschneiden sich. Das ist eindeutig eine Sache der Polizei. Zumal im Gesetz steht, dass Frauen, bei denen Anhaltspunkte für Fremdbestimmung bestehen, keine Anmeldung bekommen sollen. Doch woher soll ein Behördenmitarbeiter wissen, woran er »Fremdbestimmung« erkennt? Die 18 jährige Rumänin kommt ja nicht und sagt, »ich werde gezwungen mir hier eine Anmeldung zu holen, bitte gebt sie mir nicht«. 


Bei der Polizei gibt es mehrtägige Speziallehrgänge für Menschenhandel beim BKA in Wiesbaden. Hier lernen bereits ausgebildete und erfahrene Kriminalbeamte Anzeichen von Zwang und Menschenhandel zu erkennen. Und jetzt soll diese wichtige Aufgabe mal nebenher von einem Behördenmitarbeiter oder jemand vom Sozialdienst erledigt werden? Das ist doch absurd!

Als Sozialarbeiterin kennen Sie sich aus im Rotlichtmilieu. Wie ist die Situation momentan?
Constabel: Die Situation ist schrecklich. Es arbeiten sehr viele sehr junge Frauen im Milieu. Einige sind gerade 18 Jahre alt geworden, wurden in Osteuropa von Loverboys rekrutiert, nur um sie hier in die Prostitution zu zwingen. Aus dem Kreislauf Armut, Gewalt und der emotionalen Abhängigkeit zu ihren Zuhältern können sich diese jungen Frauen nicht alleine befreien. Studien zeigen, dass an die 68 Prozent der Prostituierten an einem posttraumatischen Belastungssyndrom leiden, das in seiner Intensität vergleichbar ist mit dem von Folteropfern. Gewalt und Ausbeutung ist eben kein Randphänomen im Milieu, sondern ein zentrales Merkmal der Prostitution an sich.

Glauben Sie ernsthaft, dass sich was ändert?
Constabel: Solange wir Männern das Recht zugestehen, sich Frauen zur sexuellen Benutzung kaufen zu können, wird dieser grausame Sklavenmarkt weiterbestehen. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Und daran wird auch das ProstSchutzGesetz nichts ändern. Deshalb muss man sich um die Nachfrage kümmern. Wenn die reduziert wird, wird damit auch der Menschenhandel und die organisierte Kriminalität reduziert. Zuhälter liefern der Prostitutionsindustrie nur deshalb Frauen, weil die dort nachgefragt werden und sich verständlicherweise kaum Freiwillige für diesen, in Deutschland leider legalisierten, Sklavenmarkt finden lassen.

Was müsste passieren?
Constabel: Wir sollten der Empfehlung der EU Kommission vom Februar 2014 folgen. Die Kommission fordert die EU-Staaten dazu auf, die Nachfrage nach Prostitution einzudämmen, indem die Freier bestraft werden und nicht die Prostituierten. Und genau das ist das Sexkaufverbot.


Die Fragen stellte Gabi Piehler