Jeder sechste 15-jährige Schüler hat es schon regelmäßig als Opfer erlebt: Mobbing. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls die aktuelle PISA-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zum Wohlbefinden von Jugendlichen. Wir haben Dr. Melanie Wegel, Kriminologin und Erziehungswissenschaftlerin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) sowie Mobbing-Expertin, gefragt, wie es zu Mobbing kommt und was man dagegen tun kann.

Frau Wegel, jeder sechste Jugendliche wird regelmäßig Opfer von Mobbing – wird der Ton in unserer Gesellschaft immer roher?
Melanie Wegel: Das ist eine Rate, die über Jahre hinweg konstant ist. Wir haben in Tübingen 2010 im Zuge der Schülerstudien auch zum Thema Mobbing gefragt und da hatten wir abhängig von der Schulart eine Rate zwischen 15 und 35 Prozent. Das ist eine große Bandbreite, wobei die 35 Prozent im Kleinkindbereich, also in Kindergärten und Grundschulen sind. Es pendelt sich also bei 15 bis 20 Prozent ein, auch an Gymnasien. Es kommt aber darauf an, wie man Mobbing definiert.

Wo beginnt denn überhaupt Mobbing?
Wegel: Wir haben etwa 24 Arten von Mobbing abgefragt und eine Definition vorausgestellt: häufig, über einen längeren Zeitraum und zielgerichtet. Das bedeutet, dass nicht der, der einmal geärgert wird, schon Mobbing-Opfer ist. Nur wenn mindestens fünf Mobbing-Arten über einen längeren Zeitraum vorhanden waren, dann galt derjenige in unserer Studie als Mobbing-Opfer. Die Studien verschiedener Autoren variieren aber sehr stark und man muss immer schauen, ob eine Definition vorgegeben ist.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang zielgerichtet?
Wegel: Eine oder mehrere Personen suchen sich einen bestimmten aus, der sich unterscheidet. Beispielsweise den Streber, den Besser- oder Schlechtergekleideten oder den Schwächeren, sich also in irgendetwas von den anderen unterscheidet. Die Wahl ist daher nicht zufällig.

Sie haben 24 verschiedene Arten von Mobbing angesprochen. Können Sie uns einen kleinen Überblick geben?
Wegel: Wir haben ein Ranking aufgestellt. Das hat angefangen mit den subtilen Formen wie ausgrenzen, beleidigen, Schimpfwörter nachrufen. Ganz am Ende waren dann die offensichtlichen Arten. Ganz selten war die sexuelle Belästigung oder körperliche Gewalt. An dritter Stelle aber bei den 6 000 befragten Schülern hatten wir das Lehrermobbing. Das sind natürlich subjektive Eindrücke, aber es ist nichts, was man bei so einer Häufigkeit vernachlässigen sollte. Zudem spielt Cybermobbing inzwischen eine wichtige Rolle. Hier muss die Definition von herkömmlichem Mobbing – über einen längeren Zeitraum und häufiger – nicht zutreffen. Es reicht hier bereits ein verfänglicher Post um jemanden nachhaltig zu schädigen. Vor dem Hintergrund, dass heute fast jeder mit digitalen Endgeräten ausgestattet ist, bekommt Mobbing hier ein völlig neue Dimension. 

Gibt es den typischen Täter oder das typische Opfer?
Wegel: Das kann man so eigentlich nicht sagen. Es sind oft auch mehrere Täter. Wir haben mal geschaut, inwieweit sich Täter und Opfer eigentlich gleichen oder unterscheiden. Es gibt zum einen das »provozierende Opfer«, das beispielsweise durch bessere Schulleistung oder bessere Kleidung unbewusst diejenigen »provoziert«, die weniger haben. Und dann gibt es das Opfer, das überhaupt nichts macht – das zum Beispiel körperlich nicht der Norm entspricht. Wir haben festgestellt, dass sowohl Täter als auch Opfer eine strenge Erziehung erfahren, allerdings die Opfer häufig überbehütet sind. Sie lernen zuhause keine Konfliktkultur kennen und fühlen sich dann bei jeder Kleinigkeit bereits gemobbt. Bei den Tätern gab es neben der strengen Erziehung auch das Thema Vernachlässigung zu beobachten.

Sind wir da bei den Ursachen, warum jemand zum Täter oder jemand zum Opfer wird?
Wegel: Ursachen zu beschreiben ist immer schwierig. Es kann Unzufriedenheit sein oder dass man jemand nicht leiden kann. Aber die Ursachen sind immer individuell. Von daher kann man nicht von DEN Ursachen sprechen.

Was kann man machen, wenn man Opfer von Mobbing wird?
Wegel: Grundsätzlich ist die Schule gefordert und in zweiter Linie die Eltern. In der Schule gibt es die Primär-Prävention, das sind die Regeln, die jede Schule hat. Dann gibt es die Sekundär-Prävention, die dann angebracht ist, wenn das Problem bereits vorhanden ist, aber im Idealfall sollte sie schon vorher an den Schulen implementiert sein und nicht erst, wenn jemand tatsächlich gemobbt wird. Es gibt verschiedene Programme, die sich mit Mobbing befassen. Die müssen allerdings langfristig im Klassenkontext bearbeitet werden.
Wichtig ist: Man darf nicht wegschauen. Ein Lehrer sollte immer achtsam sein: ist jemand ausgegrenzt, fällt jemand von der Leistung ab oder zieht sich jemand zurück? Das kann man in den Pausen ganz gut beobachten. Die Lehrer sollten zu der Problematik Mobbing auch geschult werden, damit sie wissen, wie man sich richtig verhält. 
Genauso sollten die Eltern auf ihr Kind achten: verhält es sich anders, zieht es sich zurück oder leidet es an Schlaflosigkeit? Diese psychosomatischen Befindlichkeiten sind bei den Opfern sehr viel schlechter: also Angst vor der Schule, schwänzen, Schlaflosigkeit oder Magenschmerzen. Da sollte man mal mit dem Kind sprechen oder den Kontakt zum Lehrer suchen.
Ein wichtiger Tipp noch: der Fisch stinkt vom Kopf her. Daher ist es wichtig für diejenigen, die hierarchisch höher stehen, nicht wegzuschauen, die Probleme ernstzunehmen und wenn es geht, diejenigen zu aktivieren, die wegschauen oder nebendran stehen. So kann man Koalitionen bilden, damit das Opfer Unterstützung hat. 

    Interview von Torsten Franken