Der jüngste Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zur Armutsentwicklung macht sehr deutlich, dass immer mehr Menschen hierzulande nicht auf der Sonnenseite des Lebens zu finden sind. Kaum einer wagt aber den Schritt in die Öffentlichkeit, sei’s aus Scham oder absoluter Resignation - die Menschenwürde scheint nicht mehr vorhanden zu sein. Warum sich die Situation so verschärft hat wollten wir von Gabriele Janz als Kreisvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes wissen.

Frau Janz, welche Ausmaße nimmt die »neue Armut« an?
Wer ist am stärksten betroffen?
Gabriele Janz: Zunächst muss ich korrigieren - wir haben keine »neue Armut«, sondern eine sich ausdehnende Armut. Bestehende Armut wurde zu lange in unserer Gesellschaft ignoriert. Mittlerweile müssen wir feststellen, dass sich Armut auf immer weitere Kreise in unserer Gesellschaft ausdehnt und sie damit nicht mehr zu übersehen ist. Kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Menschen, die durch langanhaltende Krankheiten, ob es körperliche oder psychische Beeinträchtigungen sind, Langzeitarbeitslose und ältere Menschen sind zunehmend betroffen. Die Grenze zum Armutsrisiko beginnt sich noch weiter zu verschieben. Familien mit einem durchschnittlichem Einkommen geraten durch hohe Wohnungsmieten und nicht angemessen steigende Einkommen in eine finanzielle Abwärtsspirale.

Worin sehen Sie die Gründe?
Janz: Wohnen wird zu teuer, die Einkommensschere geht weiter auseinander, immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind im Niedriglohnsektor angesiedelt. Kinder wachsen in Armutsverhältnissen auf und haben dadurch immer noch weit geringere Bildungschancen, damit setzt sich Armut fort. Wir sind eine Gesellschaft mit einem hohen Anteil an Migranten. Wir sind gefordert, Menschen, die auf Grund bedrohlicher Lagen aus Kriegsgebieten zu uns kommen, aber auch vielen Menschen mit Migrationshintergrund, die teilweise schon viele Jahre bei uns leben, zu integrieren.
Immer noch erlangen SchülerInnen mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit durchgehend niedrigere Schulabschlüsse als deutsche Mitschülerinnen und haben damit auf dem Arbeitsmarkt geringere Chancen.

Was geschieht dagegen?
Janz: Die Kommunen bemühen sich, im Bereich Wohnungsbau etwas gegen zu steuern, aber das reicht bei weitem nicht aus. Hier fehlen auf Bundes- und Landesebene Wohnungsprogramme.
Es gibt noch keine wirklich durchgreifenden Maßnahmen. Armut wird eher verwaltet als behoben. Ursachen werden immer noch zu wenig benannt, Reichtum wird nicht hinterfragt.

Verdient Deutschland überhaupt das Prädikat »Soziale Marktwirtschaft«?
Janz: Wie unser Gesamtverband schon in seinem »Jahresgutachten zur sozialen Lage in Deutschland« feststellt, eher nicht. Trotz einer anhaltend guten Wirtschaftsentwicklung wird das zentrale Versprechen der sozialen Marktwirtschaft »wer sich anstrengt und bildet - kann auch sozial aufsteigen« immer weniger eingelöst. Es ist nicht gelungen Armut und Ungleichheit spürbar zu reduzieren und mehr sozialen Aufstieg zu ermöglichen.

Was bedeutet das für die Betroffenen?
Janz: Der Ausgrenzungsprozess beginnt oft schon in der Kindheit. Die seit Jahren relativ stabile Zahl von etwa 2,5 Millionen Kindern und Jugendlichen, die an oder unter der Armutsgrenze leben bestätigen dies.
Soziale Verwundbarkeit lässt sich nicht nur in einzelnen Lebensphasen festmachen, sondern besteht heute schon über die gesamte Biografie und sogar Generationen übergreifend. Zur Gegensteuerung fordern wir deshalb eine Agenda des Sozialen.

    Die Fragen stellte Gabi Piehler