Die »Ware Mensch« gehört keineswegs einem vergangenen Zeitalter an. Der Menschenhandel boomt. Im Idealfall erhalten Betroffene Unterstützung in Fachberatungsstellen wie im Fraueninformationszentrum FIZ in Stuttgart: Es berät und begleitet die Opfer vertraulich. Um mehr über das Thema zu erfahren, haben wir bei Magdalena Berrer von der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration nachgefragt. 

Was genau widerfuhr den Frauen, die Sie beraten? 
Magdalena Berrer: Im FIZ beraten wir Migrantinnen und geflüchtete Frauen in Krisensituationen, bei Erfahrungen von Gewalt, Arbeitsausbeutung oder Menschenhandel. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der Beratung von Frauen, die Betroffene von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung wurden.

Aus welchen Ländern kommen die Betroffenen?
Berrer: Die meisten Frauen kommen aus Nigeria, zum Teil auch aus anderen westafrikanischen Ländern, wo es sehr gut funktionierende Menschenhandelsnetzwerke gibt. Die meist aus armen Verhältnissen stammenden Mädchen und Frauen werden mit falschen Versprechen angeworben – in der Regel von Frauen, die sie kennen und denen sie vertrauen.

Was sind das für Frauen?
Berrer: Die »Madames« oder »Aunties« versprechen einen Job als Friseurin oder Verkäuferin (meist in Italien, teilweise Frankreich, Deutschland oder anderen Ländern) mit dem sie Geld verdienen und so ihre Familien unterstützen könnten, Bildung und ein besseres Leben.

Was müssen sie dafür tun?
Berrer: Sie müssen einen pseudo-religiösen »Juju-Schwur« ablegen (eine Form des nigerianischen Voodoo), durch welchen sie in psychische Abhängigkeit zum Menschenhandelsnetzwerk gebracht werden; bei Untreue und Verstoß droht ihnen und ihren Familien Gewalt und Verfolgung.

Und was folgt nach ihrer Ankunft in Europa?
Berrer: Mit gefälschten Papieren, stets unter Kontrolle durch die MenschenhändlerInnen und oft begleitet von sexuellen Übergriffen müssen die Frauen auf dem lebensbedrohlichen Landweg durch die Sahara, Libyen und über das Mittelmeer nach Europa reisen, wo sie zu ihren »Madames« gebracht werden. Ihre Hoffnung, nun ein neues Leben beginnen zu können, wird dort jedoch zerstört, denn es wird ihnen eröffnet, dass sie hohe Schulden (etwa 25 000 bis 60 000 Euro) bei ihrer »Madame« hätten und diese in der Prostitution abarbeiten müssten. Aus Angst sehen die Betroffenen keine Alternative als zu gehorchen und das Geld unter widrigsten Umständen abzuarbeiten. Sie müssen viel psychische und physische Gewalt ertragen, die Angst vor dem Schwur, stetige Kontrolle, ihr illegaler Aufenthalt und fehlende Sprachkenntnisse bringen die Frauen in starke Abhängigkeit der »Madame«.

Wie kommen die Frauen wieder heraus aus dieser Lage?
Berrer: Frauen, denen eine Flucht aus der Zwangsprostitution gelingt, suchen oft in Deutschland Schutz und beantragen hier Asyl. Über FlüchtlingssozialarbeiterInnen oder Bekannte gelangen sie dann zu uns. Es ist wichtig, dass sie angemessene Unterstützung erhalten, denn der Neubeginn ist für die Frauen schwer: Sie leiden unter enormem emotionalen Stress durch ihren ungeklärten Aufenthaltsstatus, anhaltende Bedrohungen durch das Menschenhandelsnetzwerk für sie und ihre Familien im Herkunftsland und die Ungewissheit über ihre Zukunft. Viele leiden an psychosomatischen Symptomen ihrer traumatischen Erlebnisse, geben sich selbst die Schuld an ihrer Situation und der ihrer Familien. Auch der Mangel an sozialen Kontakten in Deutschland, fehlende Sprachkenntnisse und Diskriminierung erschweren den Frauen einen Neustart. 

Welche Unterstützung können Sie ihnen bieten?
Berrer: Wir entwickeln mit den Frauen eine Perspektive für ihr Leben hier in Deutschland. Unser Ziel ist es, dass sie ihre eigenen Ressourcen nutzen, um für sich und ihre Kinder ein eigenständiges Leben ohne Angst zu beginnen.

Wie erarbeiten Sie dieses Ziel gemeinsam mit den Frauen?
Berrer: Wir begleiten und beraten sie während des Asylverfahrens, da viele Frauen aus Angst und Scham nicht erzählen wollen oder können, was ihnen tatsächlich widerfuhr. Sie wissen oft nicht, dass sie als Betroffene von Menschenhandel Anspruch auf einen asylrechtlichen Schutzstatus in Deutschland haben.
Die Frauen erhalten bei uns Beratung zu unterschiedlichen Themen, wir versuchen sie zu stabilisieren und ihre Integration zu fördern. Dabei kooperieren wir mit SozialarbeiterInnen, Beratungsstellen, PsychotherapeutInnen, Jugendämtern, der Polizei und so weiter.
Außerdem schulen wir gerne interessierte Haupt- und Ehrenamtliche, die mit Betroffenen von Menschenhandel arbeiten.

Interview von Isabelle Wurster

Kontak: 

Fraueninformationszentrum FIZ Stuttgart / Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration

Verein für Internationale Jugendarbeit Württemberg e. V.


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