25 Jahre ist es her, dass Menschen aus der ehemaligen DDR auf die Straße gingen und mit einer friedlichen Revolution die Mauer am 9. November 1998 zu Fall brachten. Im Interview erzählt Prof. Peter Bohley über das historische Ereignis, seine Ausreise und wie er den Alltag in der DDR erlebt hat.

Herr Bohley, wie haben Sie persönlich den Mauerfall erlebt? 
Prof. Peter Bohley: In Tübingen am Fernseher, denn ich hatte leider seit 1984 ein Einreiseverbot für die DDR.

Hätten Sie je damit gerechnet, dass dieses Ereignis einmal eintreffen wird?
Prof. Peter Bohley: Wir haben immer darauf gehofft, aber nicht damit gerechnet.

Sie sind 1984 aus der ehemaligen DDR ausgereist. Warum? 
Prof. Peter Bohley: Wegen eines einzigen Satzes in meiner Vorlesung (den ich zuvor zehn Jahre lang ohne Folgen gesagt hatte): »Mehr Mittel für die Medizin bereitzustellen, zumal so viel Geld für das Militär ausgegeben wird« bekam ich ein Lehrverbot, durfte nicht mehr mit meinen Studierenden umgehen und den Hörsaal nicht mehr betreten. Nachdem alle Versuche, dieses ungerechte Lehrverbot wieder aufzuheben, gescheitert waren, stellten wir für meine Frau, unsere drei Kinder und mich den offenbar gewünschten Ausreiseantrag, der nach wenigen Tagen vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) genehmigt wurde.

Wann waren Sie zum ersten Mal nach dem Fall der Mauer wieder in Ihrer »alten Heimat«? 
Prof. Peter Bohley: Zum Jahreswechsel 1989/1990 und dann zu Gastvorlesungen in eben dem Hörsaal, den ich laut Weisung des MfS eigentlich nie wieder betreten sollte.

Wie war das für Sie? 
Prof. Peter Bohley: Es war wunderbar und das damals geflügelte Wort »Wahnsinn« trifft auch meine Empfindungen.

Was hat Sie am meisten in der ehemaligen DDR gestört?
Prof. Peter Bohley: Die »Diktatur des Proletariats«, die in der Wirklichkeit eine »Diktatur der Bonzen« war, in der unsere Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, das Streikrecht und die Reisefreiheit in westliche Länder nicht existierten. Die zunehmende Militarisierung und Bespitzelung, der aus Angst vorauseilende Gehorsam so vieler DDR-Bürger. Unsere Tochter Elisabeth durfte nicht zur Oberschule, obwohl sie die Beste ihrer Klasse war. Sie erhielt, weil sie sich geweigert hatte, am Wehrerziehungsunterricht teilzunehmen, keine Lehrstelle als Bibliothekarin oder Krankenschwester. Erst in Tübingen konnte sie studieren, nachdem sie an der Abendoberschule das Abitur gemacht hatte.

Ist der 3. Oktober ein besonderer Tag für Sie?
Prof. Peter Bohley: Ja.

Warum?
Prof. Peter Bohley: Es ist der Tag der Deutschen Einheit. Leider wird aber der 17. Juni als Tag der Deutschen Einheit seit 1991 nicht mehr als freier Tag gefeiert – das bedauere ich sehr.

Was vermissen Sie aus der DDR? 
Prof. Peter Bohley: Im Gegensatz zu den Nutznießern der DDR (Bonzen, Militärs, gut angepasste Mitläufer) vermisse ich nichts. Auch diese Nutznießer vermisse ich nicht.