2017 ist das Jahr der Reformation. Vor 500 Jahren sorgte Martin Luther für mächtige Umwälzung – nicht nur in Wittenberg. Auch im Ländle hat dieses Ereignis tiefe Spuren hinterlassen. Wo diese zu finden sind und wie die Kirche heute damit umgeht haben wir Ute Bögel, Pfarrerin im Stift Urach, gefragt.

Frau Bögel, auf was freuen Sie sich besonders?

Ute Bögel: Ich freue mich darüber, dass viele Fragestellungen neu ins Bewusstsein gerückt werden und Menschen miteinander ins Gespräch über Glauben und Leben kommen. Es geht ja nicht darum, rückwärtsgewandt ein »Jubiläum« oder gar Martin Luther als Person zu feiern, sondern die Impulse, die er gegeben hat, für unsere Zeit weiter zu denken. Darum freue ich mich über die vielen verschiedenen Veranstaltungen, Vorträge und Diskussionsabende, aber auch Konzerte und Theateraufführungen – und ganz besonders auf den Kirchentag in Berlin und Wittenberg Ende Mai.

Es wurden weder Kosten noch Mühen gescheut, um das Jubiläumsjahr publik zu machen. Ein Höhepunkt ist sicherlich die neu überarbeitete Luther-Bibel. Aber auch »Spuren - Orte der Reformation in Baden-Württemberg« ist ein neues Magazin in dem 24 Kapitel näher darauf eingehen. Was erwartet den Leser?

Bögel: Das Magazin ist in Zusammenarbeit des Oberkirchenrates mit der Tourismus BW entstanden. Mein Mann ist auf den Tourismusverband und die badische Kirche zugegangen mit der Beobachtung, dass in Ostdeutschland das Reformationsjubiläum fast mehr ein touristisches als ein geistliches Thema ist. Deshalb wurden etliche Orte in Baden-Württemberg mit reformationsgeschichtlicher Bedeutung sowohl kirchlich als auch touristisch und historisch vorgestellt. Ein Nebeneffekt des Magazins ist, dass diese Orte und ihre Kirchen jetzt auch in der Kirchen-App besonders intensiv eingearbeitet wurden.

Das Aggressionspotenzial scheint zuzunehmen. Nicht nur Angela Merkel wird permanent auf Grund ihrer Flüchtlingspolitik angegriffen, sondern auch Kirchenoberhäupter. Margot Käßmann, Theologin und Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche Deutschlands, hat neulich bei »Panorama« im Ersten einige Beispiele genannt. Wo sehen Sie den Grund dafür?

Bögel: Es ist heute durch die neuen Medien viel einfacher geworden, sich zu äußern. Gleichzeitig sinkt die Hemmschwelle im "anonymen" Internet, was sich dann auch in unsachlichen und verletzenden Kommentaren niederschlägt. Folgen sind für die Verfasser ja kaum zu befürchten.
Kritik an kirchlichen Führungspersonen kommt hauptsächlich aus zwei Ecken: Menschen, die enttäuscht sind, dass "die Kirche" politisch anders handelt als sie es sich wünschen. Diese Menschen denken oft, dass "die Kirche" konservativ bewahrend denken muss, und damit zum Beispiel eine gewisse Position in Familienfragen oder auch gegenüber dem Islam einnimmt. Wenn das dann – mit guten Gründen – nicht der Fall ist, reagieren sie aggressiv. Und eine zweite Linie sind die, denen die Volkskirche zu uneindeutig vorkommt. Sie wünschen sich ganz klare, möglichst im biblischen Wortlaut begründete Aussagen. Die Welt ist aber nicht nur schwarz-weiß, deshalb muss eine Kirche, die für alle Menschen da sein will, auch alle Gesichtspunkte mit bedenken. Die Reformation hat uns ja gelehrt, dass nicht alle Bibelstellen gleich zu betrachten sind, sondern immer zu fragen ist, was wir über Christus lernen können.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Bögel: Dass Menschen aufhören, einander das Leben zur Hölle zu machen und gegeneinander Krieg zu führen – in Syrien und allen anderen Krisengebieten dieser Welt.

Und was würde uns Luther heute mit auf den Weg geben?

Bögel: Was er seinen Zeitgenossen auch schon weitergegeben hat: Dass wir bei Gott aufgehoben sind und in diesem Glauben die Welt im Kleinen und Großen gestalten. Dass wir uns für Gerechtigkeit und Frieden und Versöhnung einsetzen und Verantwortung übernehmen. Jede Zeit hat ihre eigenen Fragestellungen und Herausforderungen, auf die es Antworten zu finden gilt. Glauben "hat" man nicht, sondern man lebt ihn. Glaube und Leben gehören zusammen.

Interview von Gabi Piehler