Ein Spaziergang durch die Tübinger Altstadt ist stets entspannt – wäre da nicht der Lieferverkehr in den engen Gassen. Ganz ohne geht es aber nicht: Wo Geschäfte und Restaurants sind, müssen auch Waren angeliefert werden. Manuel Märthesheimer, Student der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschaftsförderung, hat sich in seiner Bachelorarbeit mit dem Lieferverkehr in der Tübinger Altstadt befasst. Durch eine Umfrage sammelte er Daten über die Belieferungsaktivitäten der Gewerbetreibenden und erarbeitete mögliche Lösungen für die Stadt. Gemeinsam mit Thorsten Flink, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Tübingen (WIT), erläutert er uns die Ergebnisse.

Haben die Gewerbetreibenden Einfluss auf den Lieferverkehr?

Manuel Märthesheimer: So gut wie keinen - die Umfrage hat ergeben, dass sie doch ziemlich auf die Zeitpläne der Zulieferer angewiesen sind.

Welche Probleme gibt es mit dem Lieferverkehr in Tübingen?

Thorsten Flink: Der Lieferverkehr nimmt immer mehr zu, was aber kein spezielles »Tübinger«, sondern ein Problem in vielen Städten ist. Vor allem die Paketzustellungen – sowohl an Gewerbetreibende als auch an Privatpersonen – haben in den letzten Jahren enorm zugenommen, auch durch den Onlinehandel. In der Altstadt ist jedoch die Zufahrt nur beschränkt möglich. In der Fußgängerzone sollte zu bestimmten Zeiten keine Zufahrt bestehen. Zudem haben wir in Tübingen sehr enge Gassen.

Halten sich die Zulieferer an die Sperrzeiten?

Flink: Wir haben herausgefunden, dass die Zulieferzeiten doch relativ flexibel gehandhabt werden. Das liegt natürlich auch daran, dass die Zulieferer auch Druck von ihren Kunden bekommen. Sie müssen eine große Menge an Waren ausliefern und können da nicht einfach mal zwischendurch ein paar Stunden warten, bis sie weiterfahren.

Märthesheimer: Die Zufahrt ist morgens von 5 bis 10 Uhr und abends von 18 bis 20 Uhr möglich. Die Umfrageergebnisse zeigen aber, dass dazwischen auch eine Menge angeliefert wird.

Welche Lösungsansätze konnten Sie erarbeiten?

Flink: Wir haben überprüft, wer die meisten Zulieferungen übernimmt. 84 Prozent werden von Paketdiensten beliefert, 55 Prozent von Speditionen, 35 Prozent von Kurierdiensten und dann kommen die Selbstabholer, Mitarbeiter der Unternehmen und Fahrradkurierdienste. Das zeigt uns, dass man bei den Paketdiensten ansetzen muss. Es gibt ein paar erste Lösungsansätze, die aber auf jeden Fall mit dem Handel abgestimmt werden sollten. Wir haben uns angeschaut, wie die das in Konstanz machen. Dort werden die Sperrzeiten für Lieferdienste relativ hart kontrolliert, die haben aber im Gegenzug fünf bis sechs Stellplätze am Rand der Altstadt ausgewiesen, auf denen explizit nur Paketdienste parken dürfen. Von dort aus organisieren sie ihre Auslieferung, etwa mit Fahrrädern oder Sackkarren. Der Kostenaufwand dafür war relativ gering.

Gibt es weitere Alternativen?

Flink: Es gibt die Überlegung, bestimmte Bereiche in der Altstadt mit versenkbaren Pollern zu sperren, die die Zufahrt physisch erschweren. Dadurch sollen aber vornehmlich Schleichwege gesperrt werden. Dabei sind drei Standorte im Gespräch: in der Neckargasse, im Bereich zwischen der Pfleghofstraße auf den Holzmarkt und in der Kornhausstraße. Das muss aber noch der Gemeinderat entscheiden. Leute, die durch müssen, weil sie da wohnen oder arbeiten, würden eine Möglichkeit erhalten, den Poller selbst zu versenken – wenn das technisch möglich ist. Eine weitere Möglichkeit wäre eine zentrale Abholstation, sodass die Zulieferer die Ware dort nur noch abgeben und dort ein weiterer Dienstleister die Lieferung übernimmt, etwa per Fahrradkurier. Da müssten aber auch ein paar rechtliche Dinge vorher geklärt werden, etwa wer haftet, wenn die Ware auf dem Weg zum Kunden kaputt geht. Es gibt natürlich auch Waren, die nur direkt übergeben werden können, weil Zeit eine Rolle spielt, etwa Lebensmittel, bei denen Kühlketten eingehalten werden müssen.

Verlieren die Zulieferer nicht zu viel Zeit?

Märthesheimer: Nicht immer. Dadurch, dass die Altstadt so verwinkelt ist und die Lieferfahrzeuge durch die Menschenmengen rangiert werden müssen, wäre man in vielen Fällen mit dem Fahrrad schneller.

Was wünschen sich die Gewerbetreibenden?
Flink: Die meisten von ihnen wünschen sich, dass Zulieferer weiterhin die Möglichkeit haben, vor den Geschäften zu halten. Sie beklagen, dass es mehr Parkplätze geben müsste - die Möglichkeit von Abholstationen mit weiten Wegen wird skeptisch gesehen. Viele äußerten aber auch den Wunsch nach einer Belieferung mittels umweltfreundlicher Fahrzeuge, etwa E-Bikes, Sackkarren oder E-Autos und die Sperrung von Abkürzungswegen mittels Poller.
 

Interview von Lena Abushi