Das Fach Kriminologie wird in Tübingen weiter gestärkt: Der Fachiformationsdienst für Kriminologie wird bis zum Jahr 2019 weiter gefördert. Das Institut hat in Tübingen eine lange Tradition – Direktor Prof. Dr. Jörg Kinzig erzählt uns mehr.

Mit welchen Forschungsfragen befassen sich die Mitarbeiter des Instituts für Kriminologie?

Prof. Dr. Jörg Kinzig: Wichtig ist, die Kriminologie von der Kriminalistik zu unterscheiden. Kriminalisten sind die Leute, die man immer im Tatort im Fernsehen in weißen Overalls sieht, während sie die Spuren sichern. Wir Kriminologen helfen jedoch nicht direkt bei der Aufklärung von Straftaten, sondern beschäftigen uns auf wissenschaftlicher Grundlage mit den Erscheinungsformen von Straftaten. Die Kriminologie kann man in vier Bereiche einteilen: Wir befassen uns mit Verbrechen, Verbrechern und Verbrechenskontrolle. Ein aktuelles Beispiel: Wir interessieren uns dafür, wie sich die Kriminalität von Flüchtlingen entwickelt, welche Menschen genau Straftaten begehen – etwa warum es mehr Männer sind als Frauen - und wie der Staat auf Straftaten reagieren sollte, etwa ob es sinnvoll ist, Menschen lange im Gefängnis einzusperren. Und die Viktimologie als vierter Bereich beschäftigt sich mit den Opfern von Straftaten.

Wer verwendet die Ergebnisse Ihrer Forschung?

Kinzig: Wir führen immer wieder Untersuchungen im Auftrag von Ministerien durch - zuletzt über die elektronische Fußfessel, da gibt es gerade einen neuen Gesetzentwurf, in dem unsere Untersuchung zitiert wird. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass so eine Überwachung per Fußfessel nur ein Baustein sein kann, um eine Straftat zu verhüten, eine weitere Ausweitung dieser Methode sollte daher sehr sorgfältig geprüft werden. Medien kontaktieren uns auch häufig, um unsere Erkenntnisse zu bestimmten Themen in Erfahrung zu bringen.

Der sogenannte Fachinformationsdienst der Kriminologie wird nun in Tübingen bis zum Jahr 2019 weiter gefördert. Was können wir uns darunter vorstellen?

Kinzig: Entwickelt hat er sich aus einem ehemaligen Bibliotheksangebot, früher hat man ja vornehmlich mit Büchern gearbeitet. Und bei uns in Tübingen gab es schon zuvor ein Sondersammelgebiet für die Kriminologie. In den letzten Jahren stellen wir die vorhandene Literatur auch vermehrt online – zumindest soweit das rechtlich möglich ist.

Was ist die kriminologische Datenbank?

Kinzig: Wenn Sie eine kriminologische Frage haben, dann können Sie direkt am Computer recherchieren, welche Informationen in welchen Quellen - nach wie vor überwiegend Büchern - zu einem kriminologischen Thema vorhanden sind.

Was könnte so eine Frage sein?

Kinzig: Ein aktuelles Beispiel: Sie kennen bestimmt die Diskussion über den Polizeieinsatz während der letzten Silvesternacht in Köln. Darin wird der Begriff des »racial profiling« verwendet und es wird diskutiert, inwieweit die Polizei bei Ermittlungen an das Aussehen einer Person anknüpfen kann. Wenn Sie diesen Begriff bei uns in die Datenbank eingeben, erhalten Sie dazu Informationen zu relevanter Literatur – soweit vorhanden natürlich.

Wer nutzt den Fachinformationsdienst?

Kinzig: Wissenschaftler, Praktiker der Polizei und der Justiz - es kann aber jeder darauf zugreifen.

In welchen Studienfächern hat man das Fach Kriminologie?

Kinzig: Kriminologie ist interdisziplinär, in Deutschland ist das Fach traditionell vor allem bei den Juristen angesiedelt, im Ausland teilweise stärker bei den Sozialwissenschaften. In unserem Institut arbeiten daher nicht nur Juristen, sondern auch Psychologen, Soziologen und Pädagogen.

Welche Rolle spielt das Tübinger Institut und die Datenbank für die kriminologische Forschung in ganz Deutschland?

Kinzig: Wir sind der einzige Fachinformationsdienst für Kriminologie in Deutschland. Wir haben den Auftrag, die Literaturversorgung für die Leute sicher zu stellen, die sich für Kriminologie interessieren. Das Tübinger Institut für Kriminologie wurde 1962 gegründet und ist das älteste und traditionsreichste in Deutschland. In Freiburg gibt es noch das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht, das auch eine sehr große kriminologische Bibliothek hat, aber später gegründet wurde.

Wie funktioniert die Kooperation zwischen Ihrem Institut und der Unibibliothek?

Kinzig: Wir sind im Wesentlichen für die wissenschaftliche Seite zuständig, eine Mitarbeiterin kümmert sich in Kooperation mit der Unibibliothek (UB) um die Frage, welche Bücher angeschafft werden sollen. Die Unibibliothek besorgt etwa die technische Umsetzung. Auch hat die UB z.B. schon Fachtagungen mit Bibliothekaren und Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland organisiert, um einen noch stärkeren Austausch mit den Nutzern der Datenbank zu ermöglichen.
 

Interview von Lena Abushi