Die Wirtschaft im Südwesten befindet sich in einer Phase der Hochkonjunktur. Überhitzungstendenzen sind derzeit aber nicht zu beobachten – doch der Gipfel der Hochphase könnte bereits erklommen sein. Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstands der L-Bank, beleuchtet die Entwicklungen des vergangenen Jahres und nimmt Stellung zu den Perspektiven für 2018.

Die baden-württembergische Wirtschaft kann mit dem abgelaufenen Jahr zufrieden sein, oder? Wie sieht Ihre Konjunkturbilanz für 2017 aus?
Axel Nawrath: Brexit-Sorgen und Trump-Skepsis zum Trotz – die Unternehmen stehen zum Jahreswechsel sehr gut da und blicken auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Vor einem Jahr hatten nahezu alle Wirtschaftsfachleute hohe politische Risiken gesehen und die Robustheit der Wirtschaft und die Kraft der positiven Konjunkturstimmung unterschätzt. Der gute Konjunkturverlauf im Jahr 2017 lässt sich an drei miteinander verbundenen Haupttreibern festmachen:


1. Der lebendige Export: Die in besonderem Maße auf Export getrimmte baden-württembergische Wirtschaft profitierte im vergangenen Jahr von der konjunkturellen Erholung der europäischen Nachbarländer und der damit einhergehenden Belebung der Auslandsnachfrage. War die Güterausfuhr im Jahr 2016 noch rückläufig, zogen die Exporte vor allem in die Eurozone im Jahr 2017 deutlich an. Auch die Nachfrage aus Nicht-EU-Ländern wie der Schweiz, den USA und China stieg. So konnte der starke Rückgang des Handels mit dem Vereinigten Königreich mehr als nur kompensiert werden. Der vitale Außenhandel kam natürlich besonders dem Verarbeitenden Gewerbe zu Gute. In der Konsequenz zog im Jahr 2017 – endlich muss man sagen – auch die Investitionsbereitschaft der Unternehmen spürbar an.


2. Der anhaltende Bauboom: Auch das Baugewerbe prosperiert angesichts der dauerhaft hohen Nachfrage nach Wohnraum und den anziehenden öffentlichen Infrastrukturinvestitionen. Der Umsatz auf dem Bau stieg um über 15 Prozent im Jahresvergleich an.


3. Der starke Arbeitsmarkt: Mit den vollen Auftragsbüchern der Unternehmen ist eine anhaltend hohe Nachfrage nach Arbeitskräften verbunden; die Arbeitslosigkeit in Baden-Württemberg ist rekordverdächtig gering. In Summe ergab sich daraus eine sehr gute Einkommenssituation der Privathaushalte, die natürlich auch positive Auswirkungen auf den Konsum und die Wohnraumnachfrage hatte.
Auf den Punkt gebracht: Wir befinden uns in der glücklichen Situation einer breitgetragenen Aufwärtsspirale!

„Never change a running system“ - diese Redensart ist jedem, der mit IT zu tun hat, bekannt. Kann man das auf die Wirtschaft als Ganzes übertragen?
Nawrath: Es liegt in der Natur der Sache, dass Veränderungen Risiken bergen. Aber die Risiken des Nichtstuns sind oft deutlich höher! Wohin ein Ausruhen auf vergangenen Erfolgen führt, hat man in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren gesehen als Deutschland wegen seines Reformstaus oft als „kranker Mann Europas« bezeichnet wurde. Dass wir aus den Krisenjahren vor rund 10 Jahren so gut herausgekommen sind, lag auch an daran, dass die Wirtschaft durch die Weichenstellungen der Jahrtausendwende gut aufgestellt war.
Die gute aktuelle Wirtschaftslage sollte deshalb besonderen Ansporn für neue Weichenstellungen darstellen. Blasenbildungen kommen oft dort, wo man sie nicht erwartet. Einbrüche und Bereinigungskrisen werden kommen - auch wenn wir diese derzeit noch nicht sehen. Die Erfahrung lehrt: In jeder Hochphase steckt der Keim für die nächste Krise und je länger die Hochkonjunktur dauert, desto größer wird die Gefahr eines Rückschlags. Die Konjunktur verläuft nun mal in Zyklen – am Versuch einer kompletten Verstetigung sind wir bisher immer gescheitert. Was wir versuchen sollten ist die Zyklen zu glätten. Und dazu gilt es möglichst früh mit Korrekturen anzusetzen – also jetzt, denn den Gipfelder aktuellen Hochphase könnten wir im abgelaufenen Jahr vielleicht schon erreicht haben.

Wo sehen Sie Möglichkeiten? Was sind Hausaufgaben, die es zu erledigen gilt?
Nawrath: Die Rahmenbedingungen für die Unternehmen verändern sich permanent, sei es der Brexit, die Handels- und Steuerpolitik von US-Präsident Trump, der Flüchtlingszustrom oder die aktuellen Probleme bei der Regierungsbildung. Alles (und noch viel mehr) hat Auswirkungen auf die Unternehmen, den Mittelstand, das Gründungsverhalten. Und überall sieht man zunächst vor allem die Risiken. Aber genauer betrachtet kann durch ein gutes Management daraus auch Wettbewerbsvorteile generiert werden, langfristig vielleicht bessere Lösungen gefunden werden, als wenn es ohne Störungen einfach weiter so gelaufen wäre. Dazu ein Beispiel:


Der Brexit ist für den Gedanken eines wirtschaftlich und politisch enger zusammenrückenden Europas ein harter Einschnitt. Auch für die wirtschaftlich engen Verflechtungen zwischen dem Vereinigten Königreich und Baden-Württemberg. Betrachtet man nur die wirtschaftliche Entwicklung der Europäischen Union so ist Transparenz und Freihandel wichtig. Es gibt viele Spielarten der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Aktuell beispielsweise das Assoziationsmodell mit der Schweiz oder Norwegen, das Freihandelsabkommen mit Kanada oder die Zollunion mit der Türkei. Die Brexit-Verhandlungen sollten dazu genutzt werden die Möglichkeiten der Zusammenarbeit der Europäischen Union mit Drittstaaten generell zu standardisieren und die entsprechenden Verhandlungen zu intensivieren. Umso auch ein Stück
weit unabhängiger von tagesaktuellen populistischen Strömungen zu werden.

Die angesprochenen Themen und Weichenstellungen gehen in ihren Auswirkungen weit über 2018 hinaus. Kommen wir zurück zum naheliegenden: Wo sehen Sie Baden-Württembergs Konjunktur im nächsten Jahr?
Nawrath: Solide Fundamentaldaten stützen den weiteren Aufschwung. Erstmals seit Langem findet der weltweite Konjunkturaufschwung synchron statt – das hat schon fast historische Züge. Rund 80 Prozent aller Volkswirtschaften weltweit erwarten ein Wachstum jenseits der Zwei-Prozent-Marke. Für uns besonders wichtig: Die Euro-Zone spielt da mit. Zudem sehen wir einen multisektorellen Aufschwung, der auf vielen Branchen und Gewerken fußt – vom Maschinenbau, über das Bauhandwerk bis hin zum Dienstleistungsgewerbe.


Wir erwarten daher, dass sich das aktuell hohe Expansionstempo der deutschen Wirtschaft zumindest im ersten Halbjahr 2018 fortsetzt. Hierauf deutet der schwungvolle Auftragseingang aus dem In- und Ausland zum Ende des Jahres 2017 hin. Auch der Stimulationseffekt durch die von der EZB induzierten Niedrigzinsen wird anhalten. Als Folge erwarten wir einen sich weiter positiv entwickelnden Arbeitsmarkt, sodass die Weichen für ein exzellentes Konsumjahr gestellt sind. Denn auch der Staat konsumiert durch öffentliche Aufträge fleißig mit.


Im weiteren Jahresverlauf könnten dann natürliche Begrenzungseffekte die deutsche Wirtschaft an deutlicheren Zuwächsen hindern: So könnte das ausgeschöpfte Arbeitspotenzial zum einen zusätzliche Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen hemmen, zum anderen einen weiteren Anstieg der Beschäftigung dämpfen. Die Nachfrage istaktuell schon kaum mit den vorhandenen Kapazitäten zu stemmen – ein Luxusproblem sicherlich, aber mit nahenden realen Konsequenzen von angebotsseitigen Wachstumsbremsen.


In der Gesamtbetrachtung erwarten wir für 2018 einen stabilen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts in einem Intervall zwischen 2,0 Prozent und 2,5 Prozent. Da in Baden-Württemberg die Wachstumsgrenzen näher als in den meisten anderen Bundesländern liegen, dürfte sich der Südwesten in 2018 entgegen den vergangenen beiden Jahren etwas unter dem Bundesdurchschnitt einordnen.


Wie hoch der Zuwachs exakt ausfällt, ist dabei gar nicht so entscheidend. Wichtig ist, dass die Richtung und die grundsätzliche Schrittgeschwindigkeit stimmt – und das sieht aktuell sehr gut aus. In Zeiten, in denen große ökonomische und politische Umwälzungen stattfinden, zunehmende Globalisierung auf kleinteiligen Nationalismus trifft und die Digitalisierung in allen Bereichen für Veränderungsdruck sorgt, können wir zu Recht sagen: Wir kommen voran.