In der Evangelischen Landeskirche in Württemberg wird es weiterhin keine öffentliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare geben: Laut Pressemitteilung hat ein darauf abzielender Gesetzentwurf des Oberkirchenrats in der kürzlich im Stuttgarter Hospitalhof tagenden Landessynode nicht die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit gefunden. Was die Entscheidung fürs Ländle bedeutet wollten wir von Markus Mörike, dem Leiter des Samariterstifts in Grafeneck und Mitglied der evangelischen Landessynode wissen.

Herr Mörike, was halten Sie von dieser Entscheidung?
Mörike: Gleichgeschlechtliche Paare können weiterhin in württembergischen Kirchen nicht in einem ganz normalen öffentlichen Gottesdienst mit Glockengeläut, Trauversprechen und Segen getraut werden, nur weil sie ein Merkmal haben, dass sie von anderen unterscheidet, ihre sexuelle Neigung.
Ich bin sehr enttäuscht, empfinde diesen von einer Minderheit herbeigeführten Beschluss als unbarmherzig und glaube, dass ein Kompromiss, der nur wegen zwei fehlender Stimmen verfehlt wurde, eine Chance gewesen wäre, diesen schon lange währenden Konflikt in der evangelischen Landeskirche zu lösen oder zumindest weiter zu kommen.
Ausgerechnet im Reformationsjahr mag das doch so gar nicht passen, oder?
Mörike: Nein das seh’ ich auch so, das Reformationsjahr stand im Zeichen des Mottos ’denn da ist Freiheit’. Da will diese ausgrenzende Entscheidung nicht so recht passen, die Menschen eben nicht die Freiheit gibt, auch als gleichgeschlechtliche Paare den Segen der Kirche für ihren geplanten gemeinsamen Lebensweg zu erhalten. Auch nicht, wenn die Kirchengemeinde und Pfarrer dies gerne so haben möchten.

Worin sehen Sie die möglichen Gründe?
Mörike: Über Jahrhunderte waren gleichgeschlechtliche Partnerschaften ein Tabu und verpönt. Homosexualität wurde als Krankheit, Fluch, Verfehlung und Strafe gesehen und Menschen – auch von der Kirche – gebrandmarkt, diskriminiert, verhöhnt und sogar verfolgt und ermordet.
In den Bibelstellen, die negativ zu homosexuellen Handlungen sprechen, geht es in keinem Fall um gleichberechtigte Partnerschaften, die von beiden gewollt wurden. So etwas war in der damaligen Zeit auch undenkbar. Die Gegner der Trauung für Alle beziehen sich aus diese Stellen und lösen sie aus dem Zusammenhang der damaligen Zeit. Damit sehen sie das Große und Ganze der ’guten Nachricht’ nicht: Gott liebt alle Menschen und nimmt sie an, so wie er sie geschaffen hat. Hier macht sich das breite Glaubensspektrum speziell in der württembergischen Kirche bemerkbar, die Einheit dieser Kirche ist nur denkbar, wenn nicht eine Seite die Wahrheit für sich in Anspruch nimmt und sie anderen überstülpt, wie das hier geschehen ist.

Inklusion und Integration von Minderheiten schreibt sich die Kirche gerne auf die Fahne. Nun geht es im Ländle um eine kleine Gruppe von homophilen Paaren, die anscheinend keine Rolle spielen. Warum?
Mörike: Gott sei Dank gibt es heute auch in der Kirche homosexuelle Jungscharleiter, Pfarrer, Kirchengemeinderäte, Mesner und Kirchenpfleger. Aber leider gibt es auch immer noch Ausgrenzung, Skepsis und offene Diskriminierung, in der Gesellschaft und in der Kirche. Dieser Beschluss ist nicht grade ein Beitrag, dies zu verbessern. Eigentlich sollte Kirche und Diakonie in der Tat vorangehen und allen Menschen in ihrer Verschiedenheit mehr Teilhabe und nicht weniger ermöglichen. 

Bleibt jetzt alles beim Alten?
Mörike: Mit Sicherheit nicht. Erstens gibt es schon jetzt die Regenbogengemeinden, die Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Gemeinden durchführen. Ich glaube, dass in Zukunft noch mehr Gemeinden selbstbewusst ein Zeichen setzen werden und Paaren, die den Segen erbitten, nicht die Kirchentüre verschließen werden. 
Außerdem hat der Landesbischof als erster auf das knapp gescheiterte Votum für eine zwei-drittel Mehrheit auf der Herbstsynode reagiert und angekündigt, dass dieses 64 Prozent Votum eine Verpflichtung für ihn und damit die Landeskirche ist, in der Sache weiterhin aktiv zu bleiben.

Gibt es Ihrer meiner Meinung nach in naher Zukunft Chancen für gleichgeschlechtliche Paare bei Heirat doch noch den göttlichen Segen zu bekommen?
Mörike: Ich hoffe es sehr. Wir klagen doch über die vielen Austritte und dass sich die Kirche mehr und mehr von gesellschaftlichen Realitäten entfernt. Kirche muss mitten in der Gesellschaft stehen und ihre Botschaft den heutigen Menschen vermitteln so wie sie sind. Wir müssen, am besten noch in dieser Synode bis 2019, einen tragfähigen Kompromiss finden, der auch homosexuellen Menschen signalisiert, dass die Kirche sie als gleichberechtigte Gemeindeglieder mit ihrem Wunsch nach Segnung ihrer Ehe ernst nimmt.

    Die Fragen stellte Gabi Piehler