Auch wenn der zweite Weltkrieg schon über 70 Jahre zurück liegt, ist das Aufkommen an Munitionsfunden immer noch hoch. Im vergangenen Jahr wurden alleine in Baden-Württemberg 102 613 Kilogramm Kampfmittel aufgefunden und beseitigt, darunter 19 Bomben. Zuständig ist dafür der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD). Wir haben mit Ralf Vendel gesprochen, der seit 1986 beim KMBD tätig und inzwischen Dienststellenleiter ist. 

Herr Vendel, empfinden Sie Angst?
Ralf Vendel: Nein. Wenn wir Angst bei der Munitionsbergung hätten, dann hätten wir den falschen Beruf gewählt. Man sollte auf jeden Fall den Respekt vor der Munition nie verlieren. Denn es kann immer wieder was passieren und die Munition, die wir finden, liegt meist schon 70 Jahre im Boden. Es handelt sich oft um Blindgänger oder angesprengte Munition und die Handhabung ist sehr gefährlich. 

Beim Kampfmittelbeseitigungsdienst haben Sie es täglich mit Bomben und Munition zu tun. Gibt es denn immer mal wieder Unfälle oder ist das eher die Seltenheit?
Vendel: Es gibt immer wieder Unfälle, vor allem direkt nach dem Krieg gab es viele. Aber durch den hohen Ausbildungsstandard, den man mittlerweile hat, werden die Unfälle zum Glück immer weniger. Aber trotzdem gibt es sie natürlich: 2010 in Göttingen sind drei Menschen bei einer Bombenentschärfung ums Leben gekommen. Die waren noch nicht mal direkt an der Bombe dran, sondern wollten gerade ins Loch runter gehen und dann ist die Bombe explodiert. Die kann nämlich auch ohne äußere Einwirkungen hochgehen. 

Wie oft werden Ihre Mitarbeiter gerufen beziehungsweise wie oft finden Sie etwas in Baden-Württemberg? 
Vendel: Wir sind tagtäglich mit mindestens sechs Feuerwerkern im ganzen Land unterwegs. Wir werden von ganz unterschiedlichen Leuten gerufen: von Bauern, Pilzsammlern, Waldarbeitern, Leute, die ihre Gärten oder Häuser umbauen, Geocacher oder Wanderer. Es kommt immer wieder vor, dass diese Leute Munition finden. Zudem sind wir viel auf Baustellen.

Aus den Medien kennt man Ihre Arbeit ja eher von der Entschärfung großer Fliegerbomben. Was ist denn ihr Alltag?
Vendel: Der Alltag ist Kleinmunition, also Handgranaten, Minen oder Gewehrgranaten – solche Sachen finden wir tagtäglich. Wenn uns so etwas gemeldet wird, schauen wir uns das an. Meist bekommen wir Bilder geschickt. Daran erkennen wir oft schon, ob es notwendig ist, sofort raus zu fahren oder ob das auch mal noch einen Tag liegen bleiben kann. Aber weggeholt wird es von uns immer. 

Gibt es besondere Brennpunkte, wo Sie dauernd etwas finden? 
Vendel: Natürlich vor allem Großstädte, die im Krieg stark bombardiert wurden und ehemalige Truppenübungsplätze, aber auch auf großen Baustellen. 

Der Zweite Weltkrieg scheint schon so weit entfernt – wie lange wird man noch Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland finden? 
Vendel: Um meine Rente brauche ich mir keine Sorgen zu machen (lacht). Eine Einschätzung ist sehr schwierig, aber es wird noch mehrere Jahrzehnte dauern, um alle Kampfmittel zu bergen. Es wird im Laufe der Zeit immer weniger, aber momentan durch die starke Baukonjunktur wird sehr viel gefunden. Wenn das wieder nachlässt, wird das auch wieder weniger, aber es wird natürlich dennoch weiterhin Munition gefunden werden. Uns wird es wohl immer geben. 

Gab es im Laufe Ihrer Karriere einen Einsatz, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Vendel: Da gibt es mehrere. Einmal wurden wir zu einem Bombenfund gerufen, da lag die Bombe in etwa sieben Meter Höhe in der Schaufel eines Schwimmbaggers in einem Kieswerk.
Das war schon ungewöhnlich, weil man im Normalfall eine Bombe ja im Boden findet. Wir sind dann über die Förderbänder zum Bagger gelaufen, mussten dort hochklettern und haben die Bombe damals in der Schaufel entschärft. Andere Besonderheiten sind immer, wenn man auf Bomben trifft, die man noch nie oder sehr selten findet. Einmal haben wir im Bodensee eine Seemine gefunden. 
  

Kann man dem Laien in etwa erklären, wie man eine Bombe entschärft? Die Vorstellung aus Agentenfilmen, in denen der rote oder blaue Draht durchtrennt werden muss, wird ja wohl nicht zutreffen. 
Vendel: Nein das sieht bei uns natürlich anders aus. Wir benutzen Fernentschärfungsgeräte für unterschiedliche Zündertypen. Für englische oder amerikanische Bomben haben wir unterschiedliche Gerätschaften: es gibt die Raketenklemme oder Hydraulikpresse, aber wir machen auch viel von Hand. Wenn wir mechanische Zünder haben, die noch in einem guten Zustand sind, machen wir das von Hand mit der Zange. Aber dann muss man gucken, wo man ansetzt und wie weit man gehen darf. 

Hatten Sie jemals eine heikle Situation, bei der Sie im Nachhinein gedacht haben: Das hätte auch schiefgehen können? 
Vendel: Ja klar, diese Situationen gibt es immer wieder mal. Der Großteil der Bevölkerung denkt wahrscheinlich an die Gefährlichkeit großer Bomben. Aber die Kleinmunition ist auch sehr gefährlich. Vor allem Handgranaten: wenn der Schlagbolzen schon freiliegt, aber noch gespannt ist und nur noch von Dreck, von einem Sandkörnchen gehalten wird. Wenn man die dann aufnimmt, kann es sein, dass das Sandkörnchen verrutscht und dann auf das Anzündhütchen schlägt und der Verzögerungssatz gezündet wird. Dann haben sie zwischen drei und sieben Sekunden Zeit, das Ding wegzuwerfen. Deshalb sagen wir immer: wer Munition findet, unbedingt am Fundort liegenlassen. 

Wie sind Sie zum Kampfmittelbeseitigungsdienst gekommen? Muss man das Risiko lieben? 
Vendel: Mein Onkel war damals beim Kampfmittelräumdienst. Munition entschärfen hat sich damals für mich mit 20 Jahren super angehört. Ich habe als kleiner Munitionsarbeiter angefangen, jetzt bin ich der Dienstälteste Feuerwerker bei uns. Man sollte Interesse an der Munition mitbringen und einen gesunden Menschenverstand. Wir brauchen hier keine Supermänner, die denken, dass sie hier Bomben entschärfen können und dann der große Held sind, sondern ganz normale Leute.

    Interview von Torsten Franken