Die Gewalt gegenüber den Beamten im Einsatz nimmt immer mehr zu, wie jüngst das Polizeipräsidium Reutlingen bekannt gab. Seit Jahren schon steigt das Aggressions-Potential, beschimpft und bespuckt zu werden gehört für die Polizisten fast schon zum Alltag. Doch die Aggressivität und Hemmungslosigkeit verstärken sich in erschreckendem Maß gegenüber den Ordnungshüter, die immer mehr Aufgaben übernehmen müssen. Wir haben uns mit Andrea Kopp, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Reutlingen, über die aktuelle Situation unterhalten.

Die Gewalt gegenüber den Polizeibeamten nimmt zu. Warum?
Kopp: Seit 2012 verzeichnen wir ununterbrochen steigende Zahlen. Details werden wir in Kürze mit unserer Kriminalstatistik veröffentlichen. Einer der Hauptauslöser der Gewalt ist wie so oft Alkohol: Knapp zwei Drittel der Verdächtigen einer Widerstandshandlung oder einer Körperverletzung zum Nachteil von Polizeibeamten stehen unter Alkoholeinfluss.
Aber auch schon weit vor einem tätlichen Übergriff sind unsere Kolleginnen und Kollegen tatsächlich fast täglich mit Respektlosigkeit, Provokationen und Beleidigungen konfrontiert, mit denen zum Beispiel aus Gruppen heraus oft junge Leute vor ihren Freunden angeben wollen.
Aber – auch das stellen wir vermehrt fest – ganz normale Bürger zeigen manchmal grundlos ein völlig uneinsichtiges und aggressives Verhalten. Die Akzeptanz von Regeln sinkt und das scheint ein gesamtgesellschaftliches Problem zu sein. 


Schildern Sie uns bitte mal beispielhaft einen Fall, was die Beamten so alltäglich erdulden müssen?

Kopp: Beispiel 1: Vorfall in einem Freibad, Sommer 2016: Die Security hatte die Polizei alarmiert, weil es Probleme mit einem 17-Jährigen gab. Im Rahmen des polizeilichen Einschreitens widersetzte sich er den polizeilichen Maßnahmen. Zudem kam es grundlos zu massiven Anfeindungen der Kollegen durch völlig unbeteiligte Personen. Insgesamt bis zu 30 meist junge Badegäste, teils mit, teils ohne Migrationshintergrund, beschimpften die eingesetzten Polizeibeamten als »Brutale Polizei« und »Rassisten« und feuerten den 17-jährigen Flüchtling mit »Lass Dir das nicht gefallen!« regelrecht in seinem widersetzlichen Verhalten an. 
Beispiel 2: Vorfall vor einer Diskothek, November 2016: Dort hatte eine alkoholisierte Frau Gäste angepöbelt. Als die Polizei kam und ihre Personalien feststellte, trat die Frau einen Beamten in Richtung der Genitalien und traf ihn am Oberschenkel, einer Beamtin trat sie bei ihrer Festnahme dann noch mit dem Fuß ins Gesicht. Beide wurden durch Glück nur leicht verletzt. 
Beispiel 3: Alkoholkontrolle,
Januar 2017: Ein Autofahrer wurde einer Verkehrskontrolle unterzogen, wobei deutlicher Alkoholgeruch festgestellt wurde. Ein Test ergab fast eineinhalb Promille, was die richterliche Anordnung einer Blutprobe zur Folge hatte. Dies akzeptierte er nicht, er trat nach den Kollegen, versuchte zu beißen und verletzte einen Beamten an der Hand. 


Wie schulen Sie Ihre Beamten?
Kopp: Korrektes Auftreten, rechtssicheres und konsequentes Einschreiten, situative Handlungskompetenz, aber auch die bei Bedarf notwendigen Zugriffs- und Abwehrtechniken sind bereits Gegenstand der Ausbildung und werden regelmäßig im Rahmen der Fortbildung trainiert und vertieft. Gewalt gegen Polizeibeamte ist ein Schwerpunkt des polizeilichen Einsatztrainings.

Wie gehen die Beamten damit um?
Kopp: Wir führen unsere Maßnahmen korrekt und konsequent durch. Dazu gehört auch das konsequente Ahnden derartiger Straftaten. Widerstand gegen Polizeibeamte ist kein Kavaliersdelikt. Die aktuelle Gesetzesvorlage mit der vorgesehenen Strafverschärfung macht das nochmals deutlich. Wie jeder einzelne mental damit umgeht, ist sicher unterschiedlich. Wenn Bedarf besteht, gibt es bei uns ein Netzwerk mit polizeiinternen Hilfsangeboten, die die Kollegen jederzeit in Anspruch nehmen können.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Gibt es überhaupt genügend junge Menschen, die sich das alles antun möchten?
Kopp: Dass Gewalt gegen Polizeibeamte in der Gesellschaft thematisiert wird und auch der Gesetzgeber sich des Themas annimmt, ist wichtig und richtig. Leider gerät dabei in der Diskussion etwas anderes, aber genau so wichtiges, in den Hintergrund: Dass der Polizeiberuf ein attraktiver, abwechslungsreicher und jeden Tag spannender Beruf ist, den so viele Kolleginnen und Kollegen als Berufung ansehen und durchaus im Bewusstsein, dass es auch ein schwerer Beruf ist, aus voller Überzeugung ergreifen. Wir haben so viele verschiedene Tätigkeitsfelder, die auch schon jungen Beamtinnen und Beamten vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Dazu kommt der absolut sichere Arbeitsplatz und damit auch ein sicheres Einkommen, das es einem erleichtert, sein Privatleben verlässlich zu planen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch flexible Arbeitszeitmodelle gehört ebenfalls dazu. Und da habe ich jetzt nur ein paar Aspekte genannt, die unseren Beruf so interessant machen.
    Interview von Dieter Reisner