In Zeiten, in denen rechtspopulistische Parteien mit ihren nationalistischen Ideen immer mehr Zuspruch finden, stellt sich immer wieder die Frage nach der Vergangenheitsbewältigung vor allem mit der Zeit des Nationalsozialismus. Ein Pflichtbesuch in ehemaligen Konzentrationslagern wird derzeit heftig diskutiert, manche Rechtspopulisten verharmlosen die menschenverachtende Folter und Tötungsmethoden der Nazis. In der Gedenkstätte Grafeneck wurden 10654 Menschen von den Nazis ermordet. Es ist heute ein Mahnmal in der Region, das weit darüber hinaus daran erinnert, wie grausam Menschen sein können. Wir haben zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar) die wissenschaftliche und pädagogische Mitarbeiterin der Gedenkstätte, Franka Rößner befragt. 

Hallo Frau Rößner, wer kommt in die Gedenkstätte Grafeneck?
Franka Rößner: Seit der Eröffnung des Dokumentationszentrums im Jahr 2005 hat sich die Zahl der Besuchergruppen, die unsere pädagogischen Angebote buchen, von 60 pro Jahr auf über 400 im Jahr 2017 entwickelt. Dazu kommen etwa
20 000 Einzelbesucher pro Jahr, die die Gedenkstätte eigenständig besuchen. Grafeneck ist damit die Gedenkstätte in Baden-Württemberg mit den meisten Besuchern.

Wie sieht es mit Schülern aus?
Rößner: Das pädagogische Angebot reicht von zweistündigen Begleitungen mit Seminarteil zu Halbtages- und Ganztagesseminaren mit Workshops. Beinahe 70 Prozent sind Schüler von allgemeinbildenden Schulen vor allem aus Baden-Württemberg. Zu dieser Gruppe der Jugendlichen rechnen wir auch die traditionell große Zahl an Konfirmanden- und Firmbewerbergruppen aus der Region bis hin nach Oberschwaben. Wir freuen uns, dass wir immer mehr Gruppen aus Realschulen und Werkrealschulen betreuen dürfen und der Gedenkstättenbesuch nicht mehr nur von den Gymnasien organisiert wird. Einen weiteren Schwerpunkt unserer Arbeit bildet die Aus- und Fortbildung von Menschen in Gesundheits- und Pflegeberufen. Seit einigen Jahren haben wir ein massiv steigendes Interesse erfahren von Menschen mit Lernschwierigkeiten/geistigen Behinderungen. Zehn Prozent unserer Besucher haben eine Lern- oder geistige Behinderung. 
Wie denken Sie darüber: Sollen Besuche in ehemaligen Konzentrationslagern zum Pflichtbesuch für Schüler werden? 
Rößner: Meiner Meinung nach sollte jeder Mensch, der in diesem Land lebt, zumindest einmal im Leben eine NS-Gedenkstätte besucht haben. Die Unmenschlichkeit der Verbrechen zeigen sich dort anders als durch bloße Lektüre oder einen Film. Selbst mich als Historikerin berühren diese Orte auf ganz anderen Ebenen. In der Schulzeit ist im Rahmen des Curriculums ein Besuch an einem solchen außerschulischen Lernort gut in eine Vor- und Nachbereitung eingebettet. Insofern bietet sich der doch geradezu an. Solche Exkursionen in der Schulzeit, machen wir uns nichts vor, sind sowieso nur begrenzt freiwillig. Wichtig ist doch aus diesem Besuch pädagogisch etwas Wertvolles zu machen und den Jugendlichen einen freien Rahmen zu bieten, um etwas mit der und über die Geschichte des Nationalsozialismus zu lernen. 

Die Stimmung in der Bevölkerung ist aggressiver geworden, die Wortwahl der Rechtspopulisten nicht gerade zimperlich, auch in Bezug auf die Naziherrschaft. Haben Sie in der Gedenkstätte schon negative Erfahrungen gemacht?
Rößner: Wir machen an der Gedenkstätte erstaunlich wenige negative Erfahrungen mit Besuchern, insbesondere Jugendlichen. Selbst wenn manches Mal geäußert wird, dass sie des Themas Nationalsozialismus überdrüssig seien, ist der Eindruck des authentischen historischen Ortes stark. Auch die Beschäftigung mit einzelnen Opferschicksalen macht sichtbar nachdenklich und ermöglicht weitergehende Lernprozesse.

Welche Eindrücke haben Sie?
Rößner: Ich erlebe, dass sehr lebhaft über das Thema Menschen mit Behinderungen beziehungsweise psychischen Erkrankungen diskutiert wird. Vereinzelt haben wir schon erlebt, dass Menschen aus der Kriegs- und Nachkriegsgeneration eigene Gewalterfahrungen dieser Zeit, wie die Bombardierungen von Großstädten durch die Alliierten, nehmen und sie möglicherweise dazu nutzen, die Verbrechen der Nationalsozialisten zu relativieren. Meistens gelingt es im Gespräch, das die als Kinder erlittenen Ängste in einem Luftschutzkeller durchaus würdigt, bei einem Vergleich gemeinsam zu erarbeiten, wo die zentralen Unterschiede liegen, warum man das eine nicht mit dem anderen aufrechnen kann. 
Der Besuch einer Gedenkstätte wird stark zementierte Meinungen mit Sicherheit nicht ändern. Ich bin aber davon überzeugt, dass jeder, der Grafeneck besucht, diesen Ort anders verlässt, als er dorthin gekommen ist. Und wenn es ihn nur verunsichert. 

Hatten Sie schon einmal Besuch von Mitgliedern der AfD?
Rößner: Uns gegenüber hat sich niemand als ein solches erklärt. Das wissen wir also nicht. 

Die Gedenkstätte erhält vom Land mehr Geld. 140 000 Euro fließen in den kommenden beiden Jahren in den Betrieb. Wofür verwenden Sie das Geld?
Rößner: Lange Zeit war die Gedenkstätte und waren auch die anderen Gedenkstätten im Land nicht ausreichend finanziert. Gerade die pädagogische Arbeit, die Entwicklung von didaktischem Material, aber natürlich auch Personal muss entsprechend ausgestattet sein, um die vielen Besuchergruppen angemessen und professionell betreuen zu können. Für unsere historisch-politische Bildungsarbeit werden wir übrigens auch schon seit einigen Jahren vom Landkreis Reutlingen unterstützt. 
Weiterhin wenden sich viele Angehörige von Opfern an die Gedenkstätte, um mehr über das Schicksal ihrer Verwandten zu erfahren. Hier und auch an anderen Stellen bedarf es zeitintensiver Forschung, auch Archivreisen, die wir nicht gut nebenher leisten können. Die Erhöhung des Zuschusses vom Land bedeutet also vor allem, dass der laufende Betrieb im Bereich Wissenschaft und Pädagogik endlich einigermaßen gut gesichert ist.
    Interview von Dieter Reisner