Viele Unternehmen in Baden-Württemberg bilden bereits junge Flüchtlinge aus. Aleksandra Vohrer, Integrationsberaterin im Bereich Ausbildung bei der IHK Reutlingen, ist im Förderprogramm »Integration durch Ausbildung« tätigt und erzählt, worauf es für eine erfolgreiche Vermittlung in den Arbeitsmarkt ankommt.

Was machen Sie bei der IHK genau?

Aleksandra Vohrer: Wir beteiligen uns seit März 2016 am Projekt »Integration durch Ausbildung - Perspektiven für Flüchtlinge«, das ist ein Förderprogramm vom Baden-Württembergischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau. Es geht darum, die Flüchtlinge (bis 35 Jahren) zu identifizieren, die gute Qualifikationen mitbringen, bereits das Sprachniveau B1 haben und die Motivation, eine Ausbildung in Deutschland zu absolvieren. Wir haben in den entsprechenden Sprachkursen für B1, in Asylkreisen und Unternehmen das Projekt vorgestellt. So konnten wirletztes Jahr etwa 40 Flüchtlinge in eine Ausbildung, ein Praktikum oder eine Einstiegsqualifizierung vermitteln.

Welche Zugangsvoraussetzungen sind vonseiten der Flüchtlinge wichtig?

Vohrer: Um die berufliche Schule zu schaffen, ist schon eine gewisse Schulbildung erforderlich. Je nach Herkunftsland schaue ich, ob die Leute zehn, zwölf, sechs oder vier Jahre in der Schule waren. Viele Flüchtlinge haben aber schon gute Qualifikationen. Wenn zum Beispiel jemand in Syrien im Bereich Elektrotechnik angefangen hat zu studieren oder ein naturwissenschaftliches Gymnasium besucht hat, können wir ihn gut dabei unterstützen, sich etwa in Richtung des Berufes Industriemechaniker oder Mechatroniker weiterzubilden.
    
Wo können fehlende Kenntnisse erworben werden?

Vohrer: In einer Berufsvorbereitungsklasse werden vor allem Deutschkenntnisse vermittelt. Den Hauptschulabschluss kann man in der Berufsvorbereitungsklasse oder auch bei Abendkursen der VHS nachholen. In Rottenburg gibt es zum Beispiel eine große Gruppe von Gambianern, die an der Abendrealschule die mittlere Reife machen. Die teilweise vorhandene Schere zwischen der Realität auf dem Ausbildungsmarkt und den Wünschen der jungen Menschen ist ein sensibles Thema. Ein Praktikum ist sinnvoll um zu erkennen, ob eine Ausbildung für jemanden Sinn macht. Auf keinen Fall wollen wir junge Menschen überfordern, da dies zu Frustration führt und gerade geflüchtete Menschen schon genug erlebt haben. Im Zweifel raten wir dann eher zu einer Einstiegsqualifizierung.

Sie können sich in die Flüchtlinge hineinversetzen?

Vohrer: Ich kam mit 19 Jahren aus Sarajevo nach Reutlingen. In Bosnien gab es einen Bürgerkrieg und ich kam hier bei meiner Tante unter. Schon zwei Monate später jobbte in der Produktion. Für mich war es selbstverständlich, die deutsche Sprache zu lernen und meinen Sprachkurs zahlte ich selbst. Ich hätte trotzdem niemals gedacht, dass ich in Reutlingen bleiben und hier eine Ausbildung machen würde. Diese Entscheidung ergab sich erst nach und nach. Wenn man aufgrund eines Krieges weggeht, sieht man dies häufig zunächst als vorübergehende Lösung – das ist etwas anderes als für einen Job auszuwandern.

Wann eignet sich ein Unternehmen dazu, einen Geflüchteten auszubilden?

Vohrer: Die meisten Unternehmen, die grundsätzlich ausbilden, eignen sich dafür. Wenn der Auszubildende das Sprachniveau B1 plus erreicht hat, dann sind die Ressourcen ähnlich wie bei einem Werkrealschüler. Wichtig ist Personal, das den Auszubildenden betreut.

Welche bürokratischen Voraussetzungen müssen bei einem Ausbildungsvertrag mit einem Geflüchteten beachtet werden?

Vohrer: Für anerkannte Flüchtlinge gibt es gar keine Hürden. Mit dem neuen Integrationsgesetz, das zum ersten August in Kraft getreten ist, gilt die 3 plus 2-Regelung: Wenn es einen Ausbildungsvertrag gibt, dann ist die Rechtssicherheit da, dass die Ausbildung beendet werden kann, ohne dass die jungen Menschen abgeschoben werden. Das Projekt richtet sich jedoch eher an Menschen mit guter Bleibeperspektive. Wir können Unternehmen nicht raten, Geflüchtete aus sicheren Herkunftsländern in die Ausbildung zu nehmen. Wenn jemand das tun möchte, kann er das natürlich – aber die Gefahr einer Abschiebung ist dann rechtlich da.

Haben Sie schon Rückmeldungen erhalten – wie läuft die Zusammenarbeit?

Vohrer: Die Rückmeldungen vonseiten der Geflüchteten und der Unternehmen sind positiv. Alle Auszubildenden, die wir im Rahmen des Förderprogramms vermittelt haben, haben die Probezeit bestanden.

Sind die Flüchtlinge eine Chance für Unternehmen, die schlecht Nachwuchskräfte finden?

Vohrer: Unter den 330 verschiedenen Berufe, die wir haben, sind auch die Nischenberufe wichtig. Unternehmen mit Nachwuchsproblemen sehen in den Flüchtlingen häufig eine Chance. Es bleibt aber schwierig, jemanden etwa für eine Ausbildung zur »Fachkraft für Kreislauf-und Abfallwirtschaft« zu gewinnen. Die Aufstiegsmöglichkeiten in diesem Beruf sind zwar toll, aber eher weniger Leute interessieren sich dafür. Und auch ein geflüchteter Bewerber sollte zum gewählten Beruf passen.

Wo erhalten Unternehmen Infos?
Direkt bei mir, unter Telefon: 0 71 21/20 12 64, E-Mail: vohrer@reutlingen.ihk.de oder auf unserer Homepage: ww.reutlingen.ihk.de.

Interview von Lena Abushi