Stuttgart zieht die Reißleine und will künftig älteren Dieselfahrzeugen den Garaus machen. Denn die Erkenntnisse aus den Feinstaubalarm-Aktionen sind nicht zufriedenstellend. Kaum ein Auto blieb deshalb in der Garage stehen. Die öffentlichen Verkehrsmittel wurden vergleichsweise wenig genutzt, so der allgemeine Tenor. Der ADAC hatte eine Umfrage gestartet und Erstaunliches festgestellt. Wir haben bei Carsten Bamberg, Verkehrsexperte beim ADAC Württemberg, nachgefragt.

Herr Bamberg, was hat die Umfrage zutage gebracht?

Carsten Bamberg: In Deutschlands großen Städten sind deutlich mehr Menschen bereit, Angebote des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) zu nutzen als es heute tatsächlich Kunden gibt. Entscheidend für einen Wechsel, etwa vom Auto auf öffentliche Angebote, sind nach Ansicht der Befragten günstigere Fahrpreise, ein leichter zu durchblickendes Tarifsortiment sowie schnellere Verbindungen. Würden sich diese Aspekte verbessern, wären rund 1,4 Millionen Menschen in Deutschland bereit, regelmäßig umzusteigen. In Stuttgart wurde ein Potenzial von 90 000 Umsteigern ermittelt.

Nun hat Stuttgart eine sehr gute Infrastruktur. Im ländlichen Raum sieht das schon anders aus. Da ist jeder, der in der Stadt arbeitet, aufs Auto angewiesen. Was müsste passieren?

Bamberg: Das Automobil hat speziell in ländlichen Regionen eine besonders hohe Relevanz. Wo der öffentliche Verkehr an seine Grenzen stößt, ist das Auto oftmals das einzige Fortbewegungsmittel, um mittlere und längere Distanzen flexibel, zuverlässig und komfortabel zurückzulegen. Wenn es jedoch ein attraktives Nahverkehrssystem gibt, dann ist auch hier ein großes Potenzial an Umsteigern vorhanden. Allerdings müssen hierfür Knotenpunkte in die Stadt attraktiv verbunden werden. Die Knotenpunkte müssen zudem mit leistungsfähigen »P+R«-Parkplätzen sowie »B+R«-Abstellmöglichkeiten ausgestattet werden.

Für viele im Landkreis Reutlingen ist der Feinstaubalarm noch weit weg. Doch gerade Reutlingen liegt mit seinen Luftwerten am oberen Limit. Es könnte also auch hier losgehen. Reicht der lange Arm der EU-Kommission bis in die Achalmstadt?

Bamberg: Der Feinstaubalarm ist ein auf Stuttgart zugeschnittene Maßnahme und ist in Reutlingen nicht zielführend. Nichtsdestotrotz bedarf es wirksamer Maßnahmen, um die Luftqualität zu verbessern. Der lange Arm der EU-Kommission reicht somit tatsächlich auch bis in die Achalmstadt. Alle Städte und Kommunen sind grundsätzlich verpflichtet die Grenzwerte einzuhalten, insbesondere bei den Stickoxiden sind wir in Reutlingen allerdings noch weit von der Einhaltung dieser Grenzwerte entfernt.

Reagiert wurde ja schon. Mit dem Bau des millionenschweren Scheibengipfeltunnels, der im Spätherbst 2017 eröffnet wird, soll der Verkehr der Stadt möglichst fern bleiben. Ist das ausreichend?

Bamberg: Die Freigabe des Tunnels wird nach aktuellen Prognosen zu einer spürbaren Abnahme des innerstädtischen Verkehrs in Reutlingen führen. Es ist jedoch nicht sicher, ob dies zu einer ausreichenden Senkung der Stickoxidwerte führen wird. Aktuelle Berechnungen zeigen auf, dass weitere Maßnahmen nötig sein könnten. Derzeit werden daher auch weiterführende Maßnahmen zur Luftreinhaltung diskutiert. Interessierte und betroffene Bürger hatten die Möglichkeit sich bei der Infoveranstaltung »Durchatmen in Reutlingen – mit vereinten Kräften für die Luftreinhaltung« am 22. Februar im Reutlinger Spitalhof zu informieren und sich an der Diskussion der möglichen Maßnahmen zu beteiligen.

Und was halten Sie von der aktuellen Dieseldiskussion?

Bamberg: Eine sachliche Diskussion zum Dieselmotor ist wichtig. Diesel-Pkw nach der derzeit gültigen Abgasnorm Euro 6 emittieren zwar weniger als Euro 5-Diesel, es besteht aber weiterhin eine erhebliche Lücke zwischen dem niedrigen NOx-Prüfgrenzwert und den realen Emissionen. Erst wenn RDE (Real Driving Emissions) als neuen Abgasstandard eingeführt wird, sind wirklich saubere Fahrzeuge zu erwarten. Dies wird voraussichtlich ab September 2017 für neu typgenehmigte Fahrzeugmodelle sowie September 2019 für neu zugelassene Fahrzeuge verbindlich vorgeschrieben sein. Aus ökologischer Sicht ist ein Dieselantrieb auf dem heutigen Stand der Technik dem Ottomotor nicht prinzipiell unterlegen. Um Klimaschutzziele zu erreichen, leistet er einen bedeutsamen Beitrag, weil er durch effizientere Verbrennung rund 20 Prozent weniger CO2 produziert als ein vergleichbarer Benziner. Die Automobilindustrie sollte jedoch in allen Fahrzeugsegmenten Abgasminderungstechniken einsetzen, die wirksam Emissionen verringern und über alle Betriebszustände den Euro 6 NOx-Grenzwert von 80 mg/km einhalten. Die hierfür erforderlichen Techniken sind bereits heute serienmäßig verfügbar.

Fahrverbote als Lösung?

Wie brisant das gesamte Thema ist, zeigt der aktuelle Beschluss des Landeskabinetts zu den kommenden Fahrverboten in Stuttgart ab 2018. Der ADAC Württemberg wird die weiteren Maßnahmen der Landeshauptstadt sehr aufmerksam und kritisch begleiten. Viele Fragen sind nämlich noch ungeklärt, zum Beispiel wie die Fahrverbote konkret ausgestaltet und ob die Autofahrerinnen und Autofahrer ausreichend informiert werden. Gibt es Ausnahmeregelungen und für wen gelten die? Für den ADAC Württemberg steht außer Frage, dass solche Fahrverbote nicht allein auf den Schultern der privaten Nutzern ausgetragen werden dürfen. Im Tübinger Raum ist die Problemlage im Vergleich zu Stuttgart natürlich etwas anders. Wir gehen aktuell nicht davon aus, dass es hier solche drastischen Maßnahmen geben wird.

Die Fragen stellte Gabi Piehler