Es ist nicht neu: Unternehmen finden hierzulande immer schwerer Fachkräfte. Deutschlandweit können Firmen bereits etwa jede zweite Stelle nur schwer besetzen. Dabei gibt es aber große regionale Unterschiede, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt. Unternehmen, Jugendliche und Arbeitslose müssen flexibler werden. Wir wollten es genauer wissen und haben bei Alexander Burstedde nachgefragt: 

Herr Burstedde, laut ihrer Studie leidet der Süden ganz besonders darunter. Wie drückt sich das prozentual aus?
Burstedde: In Baden-Württemberg sind derzeit für 72 Prozent der offenen Stellen nicht genügend Arbeitskräfte mit ausreichenden Fachkenntnissen verfügbar. Es nimmt damit bundesweit den Spitzenplatz ein, gefolgt von Bayern mit 65 Prozent. In den Kreisen Reutlingen und Tübingen trifft dies auf etwa die Hälfte aller Stellen zu. Das direkte Umland ist deutlich stärker von Fachkräfteengpässen betroffen, zuvorderst die Region um Rottweil, in der schon vier von fünf Stellen schwer zu besetzen sind.

Warum sind die Unterschiede gegenüber anderen Bundesländern so gravierend?
Burstedde: Die schweren Engpässe im Süden Deutschlands gehen vor allem auf dessen Wirtschaftskraft und das stabile Wachstum zurück. Seit 2005 findet ein starker Aufbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung statt. Infolgedessen ist der Arbeitsmarkt jedoch weitgehend leergefegt – es stehen nur noch wenige Arbeitskräfte mit den benötigten Qualifikationen zur Verfügung. Auch in Ostdeutschland mehren sich die Engpässe, dies geht jedoch eher auf den langjährigen Bevölkerungsschwund zurück.
Der Fachkräftemangel wiegt vor allem in den ländlichen Gebieten schwer, die unter Abwanderung leiden. Großstädte wie Reutlingen und Tübingen profitieren davon, während sich die Situation in ländlichen Regionen noch verschärft.

Wird sich in naher Zukunft daran etwas ändern?
Burstedde: Die Fachkräftesituation wird weiter angespannt bleiben. Unternehmen und Arbeitsuchende können jedoch viel dafür tun, sie zu entschärfen.

Und was genau können Unternehmen dagegen tun?
Burstedde: Vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen bleiben bei der Personalsuche häufig erfolglos. Betroffene Unternehmen sollten kompromissbereiter sein und auch weniger passende Bewerber einstellen und selbst qualifizieren. Dies betrifft nicht nur die Ausbildung von Jugendlichen, sondern auch die Nachqualifizierung von An- und Ungelernten, sowie Umschulungen von Angehörigen verwandter Berufe. Auch die Weiterbildung vorhandenen Fachpersonals ist wichtig. Zur Unterstützung gibt es viele teils großzügige Förderprogramme, etwa bei der örtlichen Arbeitsagentur.
Der nächste Ansatzpunkt ist die Suche von Fachpersonal in anderen Regionen. Manchmal gibt es die gewünschten Fachkräfte schon ein paar Ortschaften weiter, manchmal muss man deutschlandweit suchen. In manchen Berufen wird nur ein Blick ins Ausland helfen, etwa in vielen Metall-, Elektro- und Pflegeberufen, bei denen der Fachkräftemangel bereits flächendeckend ist. Je weiter der Umzug, desto mehr Unterstützung wird die neue Fachkraft anfangs benötigen. Hier sollten die Unternehmen etwa bei der Wohnungssuche oder der sozialen Integration helfen, auch um die neuen Fachkräfte langfristig zu binden.

Und was die Auszubildenden?
Burstedde: Ausbildungsbewerber und Arbeitsuchende sollten sich für andere Berufe und Regionen öffnen. Viele attraktive Berufe sind kaum bekannt. Eine Berufsberatung und Praktika können bei der Orientierung helfen. Wenn es im gewünschten Beruf vor Ort keine Stelle gibt, sollte man überregional danach suchen. Auch hier gibt es viele Unterstützungsangebote, unter anderem bei der örtlichen Arbeitsagentur.
Das Verlassen der eigenen Komfortzone kostet zwar zunächst Überwindung, verspricht jedoch gute Chancen auf einen attraktiven Job und damit nicht zuletzt auch eine höhere Lebenszufriedenheit. Flexibilität zahlt sich aus.
    Interview von Gabi Piehler