Klara S. reißt den Kühlschrank auf und isst die Butter, die restlichen Nudeln, Käse, Wurst, ein halbes Kilogramm Joghurt, Senf, die Essiggurken, anschließen zwei Tafeln Schokolade, eine Tüte Chips, die Erdnüsse und die Gummibärchen. Klara ist eine von rund zwei Millionen Betroffenen in Deutschland, die an der Binge-Eating-Störung oder Essanfallstörung leiden. Die Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Tübingen bietet nun ein kostenloses Training an, das Betroffenen mehr Körperzufriedenheit verspricht. Wir sprachen mit Prof. Jennifer Svaldi, die das Projekt federführend betreut.

Frau Svaldi, die Essanfallstörung ist in der Allgemeinbevölkerung weniger bekannt als die Magersucht oder Bulimie, obwohl sie etwa doppelt so häufig vorkommt. Woran liegt das?
Svaldi: Das hat mehrere Gründe. Im Unterschied zur Magersucht und Bulimie ist die Essanfallstörung erst vor einem Jahr als eigenständige Essstörung in das gängige Diagnosehandbuch aufgenommen worden. Dadurch war sie vorher in der Allgemeinversorgung weniger im Fokus. Darüber hinaus geht die Essanfallstörung bei den Betroffenen mit starken Scham- und Schuldgefühlen einher, sodass die Erkrankung oft über Jahre geheim gehalten wird. Es kommt häufig vor, dass die Betroffenen jahrelang unter Essanfällen leiden, bevor sie sich trauen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wo liegen die Ursachen für eine Essanfallstörung?
Svaldi: Die Ursachen sind wahrscheinlich auf ein Zusammenspiel von biologischen und psychosozialen Risikofaktoren zurückzuführen. Im Vergleich zu anderen psychischen Störungen scheinen figur- und gewichtsbezogene Kritik, familiäre Probleme und starkes Übergewicht in der Kindheit spezifische Risikofaktoren für die Entstehung der Essanfallstörung zu sein. Menschen mit Essanfallstörung sorgen sich um ihre Figur, sind oftmals deutlich unzufriedener mit ihrem Gewicht als dies gleich übergewichtige Menschen ohne Essanfallstörung sind. Forschungsergebnisse legen nahe, dass die starke Unzufriedenheit mit der Figur und dem Gewicht die Essanfallstörung aufrechterhält, indem sie mit Selbstwertproblemen assoziiert ist und negative Stimmung verstärkt. Negative Stimmung erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit eines Essanfalls.

Welche Gruppe ist am häufigsten betroffen?
Svaldi: Im Unterschied zur Magersucht und Bulimie, von der meist Mädchen und Frauen betroffen sind, ist die Geschlechterverteilung bei der Essanfallstörung etwas ausgeglichener, wobei auch hier eineinhalb Mal häufiger Frauen als Männer betroffen sind. Bei Menschen, die an Gewichtsreduktionsprogrammen teilnehmen, erfüllen sogar 30 Prozent die Kriterien einer Essanfallstörung. Im Unterschied zu anderen Essstörungen erfolgt der Beginn der Erkrankung später. Es ist nicht selten, dass jemand im Alter von 30 Jahren an der Essanfallstörung erstmalig erkrankt. Andere Studien weisen auf eine weitere Ersterkrankungshäufung zwischen dem 45. und 54. Lebensjahr hin.

Welche Gefahren birgt diese Form der Essstörung?
Svaldi: Menschen mit einer Essanfallstörung sind oftmals depressiv, leiden unter den unterschiedlichsten Ängste. Nicht selten kommen auch Störungen mit Substanzmissbrauch und -abhängigkeit vor. Die häufigste körperliche Begleiterscheinung ist Übergewicht. 30 Prozent der Betroffenen sind nach einer Krankheitsdauer von nur fünf Jahren bereits adipös, also sehr stark übergewichtig. Diese »Nebenerscheinungen« führen nicht nur zu medizinischen Komplikationen bis hin zu einer reduzierten Lebenserwartung, sondern schränken die allgemeine Lebenszufriedenheit, das Arbeits- und Sozialleben sehr stark ein.

In Ihrem Projekt versuchen Sie, Betroffenen zu helfen. Was erwartet die Teilnehmer Ihres Trainings?
Svaldi: Durch das Übergewicht fühlen sich die Betroffenen nicht nur ihren Essanfällen, sondern auch einer starken Körperunzufriedenheit ausgeliefert. Das Problem ist. der Frust mit der eigenen Körperunzufriedenheit führt häufig selbst zu Essanfällen, was wiederum zur Gewichtszunahme beiträgt. Dadurch befinden sich die Betroffenen innerhalb kurzer Zeit in einem Teufelskreis, der zunehmend ihr Gefühl zu versagen nährt, ihren Selbstwert schwächt und damit wieder das Aufkommen von Essanfällen und die Gewichtszunahme verstärkt. Unser Training zielt darauf ab, die Körperzufriedenheit bei dieser Gruppe maßgeblich zu verbessern, um damit den genannten Teufelskreis zu stoppen. Um dies zu erreichen setzten wir die bewährte Methode der Spiegelkonfrontation ein. Wir wissen aus Vorstudien, dass Betroffene mit Essanfallstörung den Anblick des eigenen Körpers im Spiegel aus Angst und Gefühlen des Ekels oder der Scham häufig vermeiden. Wir wissen auch, dass sie, wenn sie ihr Spiegelbild betrachten, einen starken Fokus auf Problemzonen haben. Daher sollen die Betroffen unter therapeutisch-geleiteter Anleitung lernen, ihren Körper ganzheitlich zu betrachten, ohne dabei bestimmte Körperregionen stärker zu bewerten als andere. Dadurch reduzieren sich negative Gefühle, die mit der Betrachtung des eigenen Spiegelbildes einhergehen und die Körperzufriedenheit verbessert sich deutlich.

Wohin können sich Betroffene wenden?
Svaldi: Betroffene können sich entweder telefonisch unter der Nummer 0 70 71/2 9-75 025 oder per E–mail unter koerperbild@psycho.uni-tuebingen.de melden.