Die Krankheit ist so alt wie der Mensch, vielleicht sogar noch älter. Denn auch Tiere können an Epilepsie leiden. Schon vor 2 500 Jahren hat der Vater der Medizin, der Grieche Hippokrates ein Buch »über die heilige Krankheit« geschrieben. Am 5. Oktober war der Tag der Epilepsie, der auf die Erkrankung aufmerksam machen soll. Wir haben mit dem Gründer der Selbsthilfegruppe Reutlingen gesprochen und ihn nach seinen Erfahrungen damit befragt. Dieter Schmidt (74) stand Rede und Antwort. 


Hallo Dieter Schmidt, man umschreibt Epilepsie ja auch mit Gewitter im Hirn. Geben Sie uns mal einen Einblick in den Ablauf?
Dieter Schmidt: Man könnte es schon als Gewitter bezeichnen. Ich sag immer, die Sicherung fliegt raus. Man spricht nicht von der Epilepsie, sondern vielmehr von den Epilepsien. Es gibt etwa 30 verschiedene Arten der Epilepsie, wobei der große Anfall (Grand-mal) der bekannteste ist, weil er manchmal Furcht einflößt. Er ist einer von vielen Anfallsformen, aber nicht die häufigste. Ein epileptischer Anfall ist eigentlich eine Organkrankheit (vorübergehende Funktionsstörung des Gehirns) wie jede andere Krankheit des Körpers auch. Etwa ein Prozent aller Menschen weltweit haben eine Epilepsie.

Wie lange dauert so ein Anfall?
Schmidt: Ein normaler Anfall dauert ungefähr zwei Minuten.


Wer steckt die Sicherung dann wieder rein?
Schmidt: (lacht) Das muss ein anderer sein. Normal hört ein Anfall von sich aus auf. Das Hirn repariert es selber, so gut íst es.

Was ist der Auslöser dieser Krankheit?
Schmidt: Das gibt es nicht nur einen. Es ist bei jedem anders. Zum Beispiel Stress kann ein Auslöser sein, Schlafmangel kann auch eine Ursache sein. Wenn ich an Epilepsie leide und regelmäßig ins Bett gehe und dann auch mal eine Nacht durchmache, dann kann es sein, dass ein Anfall kommt.

Der große russische Romanautor Dostojewski war einer der berühmtesten Epileptiker.
Schmidt: Nicht nur dieser Schriftsteller, auch der Maler van Gogh, Napoleon oder auch Moliere haben daran gelitten. 


Bei Dostojewski heißt es, dass er bei der Nachricht vom Tod seines Vaters seinen ersten Anfall gehabt hatte.
Schmidt: Ja das kann auch durch einen heftigen Schicksalsschlag ausgelöst werden. Zu alldem kommt aber auch noch Alkoholmissbrauch hinzu. Und Lichtreflexe.

Erklären Sie das bitte.
Schmidt: Es kann sich positiv auswirken, wenn ich regelmäßig ins Bett gehe und Alkohol meide, negativ ist ein stressiger, verantwortungsloser Lebenswandel.
Kann, muss aber nicht. Das muss Jeder für sich selbst herausfinden. Man kann nicht oft genug betonen, ein Anfallstagebuch zu führen.

Welche Auswirkungen hat die Krankheit auf den Alltag?
Schmidt. Das ist ganz verschieden und hängt von der Epilepsieart ab. Zwei Drittel der Epileptiker sind mit Medikamenten anfallsfrei. Diese können durchaus ganz normal leben und arbeiten.

Wie zeigt sich dann so ein anderer Anfall?
Schmidt: Wenn ich zum Beispiel mit der Hand auf meinem Hemd rumnestele oder plötzlich mit dem Arm ein bisschen Hin und Her wackele, auch das ist ein Epilepsieanfall.


Das ist interessant.
Schmidt: Solche Anfälle fallen meist nicht auf. Wenn ich als Patient einen Grand Mal kriege, dann bin ich für zwei Minuten weg. Das krieg ich gar nicht mit. Ich bin bewusstlos. Nach zwei Minuten wach ich wieder auf und frage wo bin ich? Und die Sache ist für mich eigentlich gut vorbeigegangen, weil ich nichts mitgekriegt hab. Aber die Außenstehenden erschrecken und verzweifeln und haben vielleicht sogar den Notarzt geholt.

In Erste Hilfe Kursen ist so ein Grand Mal eines der Beispiele. Da lernt man, wie man sich verhalten soll. 
Schmidt: Der Ablauf des Anfalls ist immer derselbe. Das weiß der Patient selber am Besten. Wenn dann jemand da ist, der Erste Hilfe leistet, wie zum Beispiel einen Stuhl oder Tisch wegschieben, sodass ich mich an nicht verletzen kann, dann ist das Wichtigste gemacht. Da braucht man keinen Notarzt und nichts holen. Nach zwei Minuten wacht der wieder auf und dann kommt er so langsam wieder zu sich.

Wie wird die Krankheit behandelt?
Schmidt: Durch Medikationen und Therapie. Zwei Drittel der Epileptiker können anfallsfrei werden.
Wie haben Sie erfahren, dass sie Epileptiker sind? Wann hatten Sie Ihren ersten Anfall?
Schmidt: Da war ich 13, also in der Pubertät. Es war in der Schule. Auf dem Schulhof bin ich hingefallen und war dann eine Weile weg. Die Schulkameraden sind außen rum gestanden und die Lehrer auch. Sie alle wussten nicht, was tun. Dann ging es natürlich zum Arzt. Das war mein erstes Erlebnis. Das ist nun auch schon 62 Jahre her.

Wie war das zu der Zeit?
Schmidt: Da war gerade neun Jahre der Krieg aus. Da gab es keine Ärzte, die einen da frisch fromm fröhlich frei diagnostiziert haben. Da gab es noch die alten Ärzte, die vor dem Krieg da waren. Sie haben solche Leute, die an Epilepsie gelitten haben, durchweg ins KZ geschickt. Die Leute sind getötet worden. Das war die Euthanasie. Das war kein lebenswerter Mensch. Bis in die 1970er Jahre hieß es noch, Epilepsie sei eine Geisteskrankheit und es sei eine Erbkrankheit. Mittlerweile hat die Medizin das Gegenteil bewiesen. Also ich beispielsweise habe einen gesunden Sohn, der ist 37 Jahre alt und Wirtschaftsforscher. 

Sie haben auch eine Selbsthilfegruppe gegründet. Wie viel Leute sind in ihre Selbsthilfegruppe?
Schmidt: Ich habe 2007 die Gruppe gegründet. Zwischen 12 und 15 Personen kommen regelmäßig. Wir tauschen uns aus. Jeder kann und soll von seinen Sorgen erzählen und da merkt man dann, dass es dem Anderen ja genauso schlecht oder schlechter als einem selbst geht. Da kann sich jeder ein genaueres Bild von Epilepsie machen. Einigen hat das schon geholfen. Unsere wichtigste Aufgabe ist es, Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit zu machen und das Tabuthema zu brechen.  

 Interview von Dieter Reisner
 

Epilepsie-Selbsthilfegruppe:
Kontakt: Dieter Schmidt, epilepsie.rt@googlemail.com;
www.epilepsie-reutlingen.jimdo.com.
Telefon: 0 71 21/5 47 05