Überforderung, Schuldgefühle, Scham: Familien, in denen ein Elternteil psychisch erkrankt ist, stehen vor besonderen Herausforderungen. Auch die Entwicklung der Kinder kann beeinträchtigt werden. Ein tabufreier Umgang mit der Krankheit hilft die Situation zu bewältigen. Doch wie können psychische Erkrankungen kindgerecht vermittelt werden? Das haben wir Andrea Krainhöfer, Leiterin der Sozialpsychiatrischen Hilfen Reutlingen/Zollernalb der BruderhausDiakonie und ihre Kollegin Marion Krieg gefragt, die dort als Fachkraft für die Arbeit in Familien zuständig ist.

Das Thema ist sehr sensibel und tritt wahrscheinlich öfter auf als Otto- Normalverbraucher denken. Können Sie das bestätigen?
Krieg: Ja. Die meisten Menschen machen sich jedoch erst dann Gedanken darüber, wenn sie selbst in ihrer Familie betroffen sind. Außenstehende nehmen - wenn es in einer Familie Schwierigkeiten gibt - dies meist verspätet oder gar nicht wahr. So hatten lange Zeit selbst psychiatrische Fachdienste Kinder als Angehörige kaum im Blick. Und die Betroffenen selbst trauen sich aus Angst vor negativen Reaktionen meistens nicht, über ihre Situation zu sprechen. Deshalb ist Aufklärung so wichtig.

Zeigt die Kurve der Erkrankten steil nach oben oder ist sie in den letzten Jahren eher gefallen?
Krainhöfer: Dies ist schwer zu beurteilen. Die Wahrnehmung für die Situation der betroffenen Eltern und Kinder ist in den vergangenen Jahren bei uns Fachleuten feiner und sensibler geworden. Dadurch erreichen wir heute mehr Familien als noch vor Jahren. In diesem Zusammenhang ist es ja eher erfreulich, wenn die Fallzahlen steigen und Hilfen angenommen werden.
Wir machen die Erfahrung, dass Folgeprobleme bei frühzeitiger Unterstützung vermieden oder zumindest minimiert werden können. Das Familiensystem kann damit besser und nachhaltiger stabilisiert werden. 

Wie schwierig wird es, die Situation den Kindern zu erklären?
Krieg: Dies ist tatsächlich nicht ganz so leicht. Je nach Alter und familiärer Situation sind die Kinder ganz unterschiedlich betroffen. Im Kontakt mit den Kindern erfährt man, was sie beschäftigt und bewegt - dabei muss man einen Erklärungsweg finden, der dem jeweiligen Alter und Entwicklungsstand des Kindes entspricht. Hier braucht es erfahrene Fachleute, die Hilfen altersgerecht anbieten können.

Kinder empfinden meist ganz anders als Erwachsene, haben viel mehr Einfühlungsvermögen als manch einer denkt. Stimmt das?
Krainhöfer: Kinder nehmen – wenn sie noch klein sind – auch intuitiv fast immer wahr, wie es dem betroffenen Elternteil geht. Oft sind sie damit alleine; denn in der Familie muss Vieles organisiert und gemanagt werden, wenn ein Elternteil krank ist. Alle müssen lernen, mit der Situation umzugehen. Um die Situation zu verstehen, benötigen gerade Kinder ein Sicherheit gebendes Gegenüber und auch altersgerechte Hilfen zum Verständnis wie Geschichten oder Bilder.

Claudia Gliemann hat dazu ein Buch geschrieben. Der Titel: »Papas Seele hat Schnupfen«. Die Autorin spricht darüber im Rahmen der »Woche der Seelischen Gesundheit«. Was erwartet die Zuhörer? 
Krainhöfer: Claudia Gliemann hat sich intensiv mit der Thematik beschäftigt und in ihrem Buch die Geschichte einer Familie aufgegriffen, deren Vater psychisch erkrankt ist. Sie stellt dar, was das im Alltag bedeutet und wie es den Familienmitgliedern damit geht.
Das Buch ist für Kinder im Kindergartenalter geschrieben – aber auch für Erwachsene liefert es eindrückliche Erkenntnisse. Darüber hinaus hat Claudia Gliemann die Geschichte inzwischen weiter verarbeitet und mit musikalischen Einlagen bestückt.

    
    Interview von Gabi Piehler