Seit Beginn des Jahres wurden dem baden-württembergischen Landesgesundheitsamt 464 Hantavirus-Fälle gemeldet. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es lediglich 22 Fälle. Damit zeichnet sich bereits jetzt ab, dass 2017 ein weiteres »Hantajahr« wird, sagte Gesundheitsminister Manne Lucha. Aus diesem Grund haben wir bei Isolde Piechotowski vom Ministerium für Integration und Soziales nachgefragt.

Wie kommt es zu diesem enormen Anstieg bei der Zahl der Betroffenen im Gegensatz zum Vorjahr?

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Piechotowski: Bei Hantavirus-Erkrankungen werden immer wieder Jahre mit einer großen Zahl Betroffener, sogenannte Epidemiejahre beobachtet. Hintergrund hierfür ist eine Zunahme der Populationsgröße der Rötelmaus, die der Überträger der Hantaviren ist.

Warum ist das Vorkommen der Rötelmaus denn dieses Jahr so hoch?

Piechotowski: Rötelmäuse ernähren sich hauptsächlich von Bucheckern, deren Vorkommen ebenfalls gewissen Zyklen unterliegt. Im vergangenen Herbst gab es sehr viele Bucheckern, dadurch stieg die Zahl der Rötelmäuse und in der Folge treten nun viele Hantavirus-Erkrankungen bei Menschen auf. Die Fallzahl ist inzwischen auf 529 gestiegen.

Wie verbreiten sich die Hantaviren überhaupt?

Piechotowski: Hantaviren werden über Rötelmäuse verbreitet, die das Virus über Kot und Urin ausscheiden. Der Mensch infiziert sich über das Einatmen erregerhaltigen Staubes. Gebiete mit hohem Buchenwaldanteil, die insbesondere auf der Schwäbischen Alb vorkommen, bieten den Rötelmäusen besonders gute Lebensbedingungen und sind daher die am stärksten betroffenen Regionen.

Wie gefährlich ist der Virus tatsächlich für den Menschen?

Piechotowski: In vielen Fällen verläuft die Infektion mit Hantaviren unbemerkt. Kommt es zu einer symptomatischen Hantavirus-Erkrankung verläuft diese meist ähnlich wie Grippe mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, häufig begleitet von Nierenfunktionsstörungen. In schweren Fällen kann es auch zu einem vorübergehenden dialysepflichtigen Nierenversagen kommen. Über die Hälfte der in diesem Jahr gemeldeten Fälle mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Woran bemerke ich, dass ich mich mit den Viren infiziert habe?

Piechotowski: Das gemeinsame Auftreten von hohem Fieber, Kopf-, Rücken- und Bauchschmerzen und Problemen beim Wasserlassen kann auf eine mögliche Hantavirus-Infektion hinweisen. Bei Verdacht auf eine Infektion sollte man sich an seinen Arzt wenden.

Wie verhindert man eine Ansteckung?

Piechotowski: Ein Impfstoff steht nicht zur Verfügung. Wer einer Hanta-Infektion vorbeugen will, sollte es vermeiden, mit Ausscheidungen von Nagern in Kontakt zu kommen.

Aber die können doch überall vorkommen, oder nicht?

Piechotowski: Zu den Tätigkeiten mit erhöhtem Infektionsrisiko zählen das Umschichten von Holzstapeln sowie Reinigung, Auf- und Umräumen von Dachböden, Kellern, Garagen und Schuppen. Vor Beginn der Reinigung von Räumen mit Mäusebefall sollte gut durchgelüftet werden. Um Staubaufwirbelungen bei der Entfernung von Mäusekot und Nestmaterial zu vermeiden, sollte das Material zunächst gründlich mit einem handelsüblichen Reinigungsmittel besprüht werden.

Die Rötelmaus ist damit aber nicht unschädlich gemacht. Wie handelt man am besten in diesem Fall?

Piechotowski: Nagetiere in der direkten Wohnumgebung sollten fachkundig bekämpft und Vorkehrungen gegen das Eindringen getroffen werden.

Woher kommt eigentlich der Name »Hantavirus«?

Piechotowski: Der Name Hanta geht auf den Fluss Hantan in Südkorea zurück, an dem in den 1950er-Jahren während des Koreakrieges mehr als 3 000 amerikanische Soldaten an einem ungewöhnlich starken Fieber, häufig begleitet von Nierenversagen, erkrankten. Im Jahr 1977 konnte das Virus isoliert werden, das für die Erkrankungen verantwortlich war und erhielt den Namen Hantavirus.

Die Fragen stellte
Isabelle Wurster