Cannabis, eine der ältesten Heilpflanzen der Welt, ist in Deutschland seit 1929 verboten. Zu viele Negativschlagzeilen bestimmen das Bild: Kiffen, Dealen, Straftaten! Dabei kann die Pflanze viel mehr – vor allem im medizinischen Bereich. Das zumindest hat man auch seitens der Regierung verstanden und seit März 2017 Cannabis als Arzneimittel zugelassen. Wie das Ganze in der Realität aussieht, wollten wir genauer wissen und haben mit Georg Wurth vom Deutschen Hanfverband gesprochen.

Herr Wurth, wie genau ist die aktuelle Situation?

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Georg Wurth: Das neue Gesetz ist ein großer Schritt nach vorn. Etliche tausend Patienten haben seit März 2017 ein Rezept erhalten und dürfen Cannabis legal nutzen. Allerdings wird die Entwicklung durch verschiedene Probleme ausgebremst. Die Leute finden keinen Arzt, der Cannabis verschreiben möchte, die Krankenkassen stellen sich quer und lehnen die Kostenübernahme reihenweise ab, es gibt Versorgungsengpässe in den Apotheken und die Preise für medizinische Hanfblüten sind zu hoch, vor allem für Selbstzahler.

Kaum einer kann sich das leisten. Wer sahnt denn hier am meisten ab?

Wurth: Die gleiche Ware, wie sie in deutschen Apotheken für deutlich über 20 Euro pro Gramm abgegeben wird, kostet in den Niederlanden und Kanada vielleicht 8 Euro. Der Mehrpreis versickert in der internationalen Lieferkette als Gebühren, bei den Großhändlern und in den deutschen Apotheken. Ein besonderer Preistreiber seit dem neuen Gesetz ist, dass die Apotheker nun die Dosen öffnen, das Cannabis prüfen und umpacken müssen, obwohl die Ware bereits durch die Cannabisagenturen in den Niederlanden und Kanada geprüft wurde. Viele deutsche Apotheker sind darüber eher genervt als erfreut.

Um die Engpässe zu mindern, braucht es mehr »Grundstoff«. Ausländische Firmen wollen medizinisches Marihuana anbauen und buhlen um staatliche Lizenzen. Stimmt das? Cannabis als aufsteigender Wirtschaftszweig?

Wurth: Das wirtschaftliche Potenzial ist riesig. In den USA und Kanada ist medizinisches Cannabis bereits ein Milliardenmarkt. Kaum ein Markt entwickelt sich schneller oder schafft so viele neue Arbeitsplätze. Eine ähnliche Entwicklung erwarte ich auch für Deutschland. Der Startschuss kommt demnächst mit der ersten Anbaulizenz.

In Deutschland kiffen ungefähr vier Millionen Menschen. Die Beschaffung ist illegal. Trotz Verbot und Strafen werden es nicht weniger. Worin liegen die Gründe?

Wurth: Verbote entfalten nur eine Wirkung, wenn die Bevölkerung einen Sinn darin sieht. Cannabiskonsumenten haben kein Unrechtsbewusstsein, weil es kein Unrecht ist, Hanfblüten zu rauchen anstatt Alkohol zu trinken. Die Leute sind nicht kriminell, sie werden kriminalisiert. 

Konsumenten wären sicherlich froh darüber, wenn’s Cannabis legal zu kaufen gäbe oder nicht?

Wurth: Klar! Ein freundliches Fachgeschäft für Erwachsene mit guter Beratung, geprüfter Qualität und Wirkstoffangaben ist allemal besser für alle Beteiligten als ein Schwarzmarkt. Allerdings muss der Preis stimmen, die Steuern dürfen nicht zu hoch sein.

Bestes Beispiel ist Colorado. Seit der Legalisierung sank die Kriminalitätsrate, die Zahl der Konsumenten blieb gleich und die Stadt freut sich über große Steuereinnahmen. Für Deutschland ein Traumziel?

Wurth: Colorado macht das schon sehr gut, da können wir uns einiges abschauen. Dort fehlt es allerdings noch an Konsummöglichkeiten vor Ort wie in einem holländischen Coffeeshop, daran arbeitet Colorado gerade. Das gehört zur Cannabiskultur einfach dazu wie das Bier in der Kneipe. Außerdem könnte ich mir vorstellen, Werbung für Cannabis stärker einzuschränken, wie wir das auch bei Alkohol und Tabak tun sollten.

Wann wird’s Realität?
Wurth: Ich fürchte, die Union stellt sich noch arg quer. Nächste Legislaturperiode, wenn es gut läuft. Eine Entkriminalisierung der Konsumenten und kommunale Modellprojekte zur Cannabisabgabe könnten aber schon früher kommen.


Interview von Gabi Piehler