Geld verdienen ohne arbeiten und mit diesem Geld sogar noch über die Runden kommen, das wäre einfach genial. »Bedingungsloses Grundeinkommen« (BGE) heißt das Konzept, mit dem sich Privatdozentin Dr. Sabine Klocke-Daffa von der Uni Tübingen beschäftigt. Die Ethnologin ist Mitarbeiterin am Asien-Orient-Institut und Mitglied im Sonderforschungsbereich Ressourcen-Kulturen. Seit 2011 forscht sie zu einem Pilotprojekt zum BGE in Otjivero/Namibia. 

Frau Dr. Klocke-Daffa, Sie haben neulich einen Vortrag genau zu diesem Thema am Weltethos-Institut in Tübingen gehalten. Wie war die Resonanz?
Dr. Klocke-Daffa: Das Interesse an dem Thema des Vortrags war sehr groß, und es gab lebhafte Diskussionen nach der anschließenden Podiumsdiskussion.

Erstaunlicherweise fand das Pilotprojekt in Namibia statt. Wieso in Afrika?
Dr. Klocke-Daffa: In Namibia herrscht die weltweit größte Ungleichheit der Verteilung von Vermögen und Einkommen. Eine Steuerkommission der namibischen Regierung schlug deshalb vor, ein Basiseinkommen für jeden der 2,3 Millionen Namibier einzuführen, um mehr Gerechtigkeit und ein größeres Maß an Umverteilung der nationalen Ressourcen zu gewährleisten. Weil die Regierung diesem Vorschlag aber nicht folgen mochte, nahm die Evangelisch-Lutherische Kirche in Namibia die Idee auf. Sie schlug vor, zwei Jahre lang ein Modellprojekt durchzuführen und danach zu sehen, was die Menschen mit dem Geld gemacht hatten. Die Siedlung Otjivero war ein ganz besonders armer Ort, in dem vor Einführung des BGE 86 Prozent der Bewohner unterhalb der Armutsgrenze lebten. Der größte Teil der finanziellen Mittel kam übrigens von Kirchengemeinden und der Diakonie in Deutschland.

Sie waren selbst vor Ort. Schildern Sie uns doch mal Ihre Eindrücke?
Dr. Klocke-Daffa: Ich wollte wissen, ob auch das neue Grundeinkommen von kulturellen Faktoren beeinflusst ist. Das konnte ich nachweisen. Die Mittel waren außer in die Grundversorgung vor allem als soziales Kapital investiert worden – zum Beispiel für andere Hilfsbedürftige oder mittellose Verwandte außerhalb des Ortes – weil das der höhere Wert ist. Das BGE hat vieles verändert, aber die kulturellen Werte bleiben maßgebend.

Ist so etwas in der westlichen Welt respektive Deutschland vorstellbar?
Dr. Klocke-Daffa: Ein Grundeinkommen ist prinzipiell überall vorstellbar, auch in Deutschland. Wenn meine Hypothese stimmt, dann sind die Verläufe jedoch unterschiedlich, weil nun einmal Menschen und ihre kulturellen Grundlagen überall verschieden sind. Es wäre spannend zu sehen, was die Menschen in Deutschland mit ihrem Grundeinkommen machen.

Sind Freiheit, Unabhängigkeit und soziale Sicherung tatsächlich bedingungslos erlebbar? 
Dr. Klocke-Daffa: Derzeit fehlen uns die Daten, um das zu beweisen oder zu widerlegen. Es hängt auch davon ab, was eine Gesellschaft unter Freiheit, Unabhängigkeit und Sicherheit versteht. Gewiss ist nur eines: Immer mehr Ressourcen konzentrieren sich in immer weniger Händen. Wenn es keine Umverteilung gibt, wird das sowohl auf nationaler wie auf globaler Ebene zu großen sozialen und politischen Konflikten führen. Es geht daher längerfristig wohl nicht darum, ob wir ein Grundeinkommen haben sollten, sondern wie wir es organisieren.

Die Schweiz geht wieder einmal andere Wege und ließ am 5. Juni darüber abstimmen. Was sagen Sie zu dem Ergebnis? 
Dr. Klocke-Daffa: Ich hatte es erwartet. Die Schweizer definieren sich – wie die Deutschen – sehr stark in ökonomischen Kriterien. Man ist, was man hat und nicht, was man (ab-)gibt. Immerhin: Zwei Drittel aller Schweizer sind der Meinung, das mit der Abstimmung das Thema noch nicht erledigt ist. Die Diskussion hat gerade erst begonnen.

Die Fragen stellte Gabi Piehler