Es wird derzeit davon ausgegangen, dass mindestens ein Prozent der Bevölkerung zum Autismus-Spektrum gehört. Nicht wenige Menschen erfahren erst im Erwachsenenalter von ihrer neurologischen Besonderheit. Der Reutlinger Verein »Autismus verstehen« setzt sich bereits seit 2008 überregional dafür ein, die Situation von Betroffenen, Angehörigen und Unterstützern zu erleichtern. Um mehr über das Thema zu erfahren, haben wir bei den beiden Vorsitzenden, Inke Haußmann und Aurica Andres, nachgefragt:

Wofür steht der Begriff Autismus eigentlich? Gilt er als Erkrankung?
Haußmann/Andres: Der Begriff Autismus steht für eine Vielfalt von Verhaltensweisen, die auf eine andere Art der Wahrnehmung zurückzuführen ist. Die Verarbeitungsprozesse im Gehirn verlaufen neurologisch bedingt von Geburt an anders. Auf Grund der Vielfalt von Erscheinungsformen spricht man inzwischen von einem Autismus-Spektrum. Dazu gehören die Diagnosen Frühkindlicher Autismus, Atypischer Autismus, Asperger-Syndrom und Hochfunktionaler Autismus. Man geht davon aus, dass sich die Formen lediglich im Grad ihrer Ausprägung unterscheiden. Es handelt sich nicht um eine Krankheit, die man bekommt und dann heilen kann. Nach den internationalen Diagnosekriterien (ICD10) gehört Autismus zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen.

Wie äußert sich diese neurologische Störung?
Haußmann/Andres: Die autismus-spezifische Informationsverarbeitung äußert sich in vielen Situationen in einer hohen Sensibilität in Bezug auf alle Wahrnehmungsbereiche sowie in Problemen mit der teilweise ungefilterten Aufnahme von Reizen jeglicher Art. So können zum Beispiel bei einem Gespräch die Hintergrundgeräusche gleich laut sind wie die Sprache, auf die man seine Aufmerksamkeit richten möchte. Überforderungssituationen werden teilweise von »außen« nicht bemerkt. Sie können unter andren zu schweren, auch länger anhaltenden Krisen mit Angst - und Panikzuständen, völliger Handlungsunfähigkeit, Rückzug von sämtlichen persönlichen Kontakten und Depressionen führen. Stimulationen, Rituale, Routinen, klare Strukturen vermitteln Sicherheit, unvorhergesehene Veränderungen erzeugen Stress. Zu den autismus-spezifischen Besonderheiten gehört u.a. auch die Tendenz, sich an Details zu orientieren und den Gesamtzusammenhang nicht zur berücksichtigen. Dies kann einerseits zu Problemen führen, andererseits ermöglicht dies kreative und unkonventionelle
Denkweisen, die wir in unserer Gesellschaft benötigen. Eine andere Besonderheit besteht in der teilweise völlig anderen Art der Kommunikation. Autistische Menschen haben alle große Schwierigkeiten beim Erkennen nonverbaler Kommunikation wie Mimik, Gestik, Tonfall. Dies beeinflusst das Erkennen von ungeschriebenen sozialen Regeln und den Ausdruck von Gefühlen anderer. Häufige Missverständnisse entstehen unter anderen auch durch das wortwörtliche Sprachverständnis (zum Beispiel »wir fahren heute bei der Oma vorbei« bedeutet nicht »wir machen einen Besuch bei der Oma«).

Kann es passieren, dass ein Autist seine Besonderheit wieder verliert?
Haußmann/Andres: Die Besonderheit der Informationsverarbeitung bleibt ein Leben lang bestehen. Manchen gelingt es, sich unter großen Anstrengungen ihrer Umwelt immer besser anzupassen, um nicht aufzufallen. Von außen bemerkt man somit manchmal die Besonderheiten nicht oder nicht mehr. Die Erschöpfungszustände folgen in der Regel zuhause.

Wo herrscht Handlungsbedarf?
Haußmann/Andres: An erster Stelle steht die Notwendigkeit zur schrittweisen flächendeckenden Qualifizierung beteiligter Fachkräfte aus sämtlichen zuständigen Institutionen. Unklare Verfahrensabläufe, Beantragungsverfahren und Zuständigkeiten müssen eindeutiggeklärt werden. Gleichzeitig fehlt es an finanziellen und personellen Ressourcen für passendere Rahmenbedingungen in sämtlichen zuständigen Institutionen. Familien benötigen mehr Entlastung, die Geschwister benötigen ebenfalls Hilfen.

Wie geht man am besten mit seinem autistischen Gegenüber um?
Haußmann/Andres: Es gibt kein Rezept zum besten Umgang. Am wichtigsten ist eine wertschätzende Haltung. Ist diese nur vorgespielt, sind autistische Menschen sofort blockiert und machen »zu«. Sie spüren sofort, ob sich ihr Gegenüber authentisch verhält. Sinnvoll ist immer, die Umgebung so reizarm wie möglich zu gestalten (zum Beispiel Fenster zumachen, unnötige Geräusche abschalten, nicht auf Gängen mit viel Publikumsverkehr warten lassen und ähnliches) und dann die Person beobachten oder möglichst konkret nachfragen, ob zum Beispiel der Sitzplatz oder anderes in Ordnung ist oder gewechselt werden sollte. Wichtig ist eine eindeutige Ansprache und eindeutige, kurze Handlungsanweisungen, auch bei differenzierter Sprachentwicklung (keine einfache Sprache, die ist nicht immer eindeutig). Zusammenhänge sollten möglichst in kurzen Sätzen erklärt werden. Die aktuelle Aufnahmekapazität muss immer berücksichtigt werden, ein Rückzug aus der entsprechenden Situation muss möglich sein.

Was erleichtert den gegenseitigen Umgang?
Haußmann/Andres: Durch Wertschätzung, Akzeptanz und ohne Druck entsteht Vertrauen. Dies ist Voraussetzung für die Entwicklung einer guten Beziehung zueinander. Diese kann anders aussehen als das, was in unserer Gesellschaft als »gut« in diesem Fall betrachtet wird.

Interview von Isabelle Wurster