Ulrich Bringewald war 35 Jahre lang Fachberater für Kindertagesstätten im evangelischen Kirchenbezirk Tübingen. Ende Januar räumte er seinen Schreibtisch in der Villa Metz. Er erzählt uns, wie sich die Arbeit in Kindergärten in den letzten Jahren verändert hat.

Wie hat sich die Arbeit im Kindergarten in den letzten Jahren verändert?

Ulrich Bringewald: Ich habe Diplompädagogik studiert und dann fast fünf Jahre in Frankfurt in einer Kindertagesstätte gearbeitete, das war eine Ganztagesstätte mit Öffnungszeiten von 7.30 Uhr bis 17 Uhr. Dann kam ich nach Tübingen und fand ganz andere Öffnungszeiten vor, von 8 Uhr bis 11.30 Uhr und von 14 bis 16 Uhr. Ich habe gespürt, dass dies nicht den Bedürfnissen der Familien entsprach und habe langsam versucht, verlängerte Öffnungszeiten einzuführen. Ich war damals am Anfang für 32 Einrichtungen im Kirchenbezirk zuständig, es gab nur wenige Gruppen, 28 - heute sind es 56. Mit der Zeit kamen dann auch Teilzeitgrippen für jüngere Kinder ab einem Jahr hinzu.

Sehen Sie das durchweg positiv, dass die Kinder heute jünger kommen und mehr Stunden pro Tag bleiben können?

Bringewald: Wenn die Öffnungszeiten für die unter Dreijährigen nicht zu lang sind – maximal sechs Stunden am Tag – das bestätigen auch wissenschaftliche Untersuchungen, dass danach der Stressfaktor anfängt, dann finde ich das eine gute Sache. Natürlich müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. Wir haben in unseren Grippen immer zwei Hundert-Prozent Fachkräfte und eine FSJ-lerin. Die pflegerischen Sachen spielen eine große Rolle, Unterstützung beim Essen und Anziehen – wenn es zu wenig Personal gibt, wird das sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Kinder stressig. 

Mit welchen Problemen kämpfen Erzieher heutzutage?

Bringewald: Erzieherinnen stehen zunehmen unter einem hohen Druck von außen. Mir war immer sie wichtig, sie zu stärken, wertschätzend mit ihnen umzugehen und sie von dem Druck, der teilweise von den Eltern und von der schulischen Seite kam, zu entlasten. Gerade der Druck vonseiten der Eltern hat in den letzten zehn Jahren, aufgrund von teilweise vielleicht verständlichen Ängsten, dass ihre Kinder irgendwann einmal im Leben nicht zurechtkommen, zugenommen.

Wie macht sich das bemerkbar?

Bringewald: Es wird weniger auf emotionale Stärkung Wert gelegt, sondern auf Frühförderung – ich spreche immer vom Frühförderwahn. Ich hatte am 19. Januar noch einen Elternabend in einem Tübinger Kindergarten, bei dem überwiegend Akademikereltern waren, die immer wieder forderten, die Erzieher sollten die Kinder dazu zwingen, still zu sitzen, Dinge zu tun, die sie nicht wollen, denn das müssten sie in der Schule auch. Sehr viel Wert wird auf kognitive Sachen, mathematische Früherfahrungen und naturwissenschaftliche Experimente gelegt.

Warum ist das ein Problem?

Bringewald: Das ist alles nicht schlecht, aber das wichtigste ist das Spielen der Kinder, das Experimentieren, das freie Erforschen – und zwar von ihren eigenen Interessen ausgehend. Es ist nicht gut, wenn sich die Erzieher immer etwas ausdenken und morgen alle Kinder genau das gleiche tun müssen. Da haben vielleicht zwei bis fünf Lust dazu und die anderen tun es ohne Begeisterung. Die Begeisterung ist aber das wichtigste – oder, wie der Neurologe Hüther immer sagt: die Freude am Lernen. Wenn man diese Freude früh unterstützt, geht sie auch später nicht verloren.

Das viele »müssen« klingt schon unheimlich, macht das den Kindergarten nicht gerade für schwächere Kinder schwieriger?

Bringewald: Es wird in der Gesellschaft viel zu sehr auf die Schwächen der Kinder geschaut. Dabei wird übersehen, dass Kinder eine individuelle Entwicklung haben, die ganz unterschiedlich sein kann. Man sagt, mit vier Jahren müssen Kinder dies und das können und wer da rausfällt, wird mit einem Defizitblick versehen. So können Kinder kein Selbstvertrauen entwickeln. Es gibt den berühmten Satz: »Vergleiche ein Kind nie mit einem anderen, sondern nur jedes Kind mit ihm selbst.« Wir sollten uns bemühen, die Stärken der Kinder zu stärken und so die Schwächen der Kinder zu schwächen.

Die Unsicherheit kommt also vornehmlich vonseiten der Eltern?

Bringewald: Ja, teilweise auch von der Schule. Wir erleben immer wieder Elternabende, bei denen die Schule dabei ist und die Eltern hinterher ganz frustriert raus gehen, weil ihr Kind nicht das kann, von dem die Lehrer denken, dass es das tun können sollte: den Namen schreiben, rechnen, so und so lange still sitzen. Die Eltern geraten dann in Panik und geben den Druck an die Erzieher weiter.

Sehen Sie die Aufgabe eher bei der Schule, den Kindern die notwendigen Voraussetzungen für den Schulbesuch mitzugeben?

Bringewald: Ja, selbst Frau Schavan, unsere ehemalige Kultusministerin, sagte, dass es nicht Aufgabe des Kindergartens ist, die Kinder fit für die Schule zu machen. Die Schule muss sich auf die unterschiedlichen Entwicklungsstände der Kinder einstellen und diese schulbereit machen. 

Warum sollten Kinder spielen?

Bringewald: Weil das ihre natürlichste Form ist, sich auszudrücken, weil da alle Bereiche, das Soziale, Kognitive, Emotionale, ganzheitlich miteinbezogen werden und Kinder so ihre eigenen Interessen und Ideen ins Spiel bringen können.

Welche Pläne haben Sie für den Ruhestand?

Bringewald: Ich werde nun noch ehrenamtlich bei der Vesperkirche mitarbeiten. Ich werde reisen, mich mit philosophischen und theologischen Themen beschäftigen. Neben der üblichen Fachliteratur möchte ich auch mal Belletristik, Romane, lesen. Und ich werde sicher mit dem Kindergarten verbunden bleiben und als Lesepate tätig sein.

Ein letzter Appell an die Eltern?

Bringewald: Kinder sind fantastisch in ihrer Kreativität und Neugierde, in ihrer Lust, etwas zu lernen. Traut euren Kindern mehr zu! Kinder können sich nur gut entwickeln, wenn sie einen sicheren Bindungspartner haben und das Zutrauen der Eltern spüren.


    Interview von Lena Abushi