Georg Wiest ist bereits seit dem Jahr 1978 im Sozialverband VdK (Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands) aktiv, war von 2000 bis 2012 Geschäftsführer des VdK Bezirksverbandes Südwürttemberg-Hohenzollern und des VdK Sozialrechtsschutzes. Anlässlich seines 70. Geburtstages erzählt er uns mehr über den Verband und über seine Tätigkeiten als Sozialrechtsreferent in Tübingen.

Erstmal herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Seit 1978 sind Sie im Sozialverband VdK aktiv, eine Zeit lang waren Sie Geschäftsführer. Können Sie uns erklären, welchen Aufgaben der VdK nachgeht?

Georg Wiest: Ich bin als Jurist zum VdK gekommen und habe von 1978 bis 2000 in der Rechtsabteilung gearbeitet, danach wurde ich Geschäftsführer. Bei VdK heißen die Rechtsanwälte Sozialrechtsreferenten. Am Anfang war ich vor allem für die Kriegsopferversorgung zuständig – habe Leute vertreten, die durch den Krieg einen Schaden an ihrem Körper erlitten hatten und dadurch auch teilweise einen Berufsschaden erleiden mussten. Dann kam vermehrt die allgemeine Rentenproblematik zu uns, dabei geht es meist um die Frage, ob jemand Anspruch auf eine Erwerbsunfähigkeitsrente hat, inzwischen heißt das Erwerbsminderungsrente. Das war ein großes Anliegen des damaligen Präsidenten Walter Hirrlinger, er strukturierte den reinen Kriegsopferverband zum Sozialverband um.

Was mochten Sie an der Arbeit?

Wiest: Für mich war wichtig, dass Menschen zu mir kamen, die finanziell nicht gut betucht waren, weil der Sozialverband diese Mitglieder mehr oder weniger kostenfrei beraten und vertreten hat. Sie bezahlten einen Unkostenbeitrag von 15 oder 30 DM – je nachdem, wie lange sie schon bei dem Verband waren. Sie konnten eintreten und sich sofort von uns beraten lassen.

Sie sagten, dass sie viele im Krieg Geschädigte vertraten. Um welchen Krieg handelte es sich dabei?

Wiest: Meist um den Zweiten Weltkrieg. Das waren oft Menschen, die noch in letzter Minute aus Stalingrad ausgeflogen wurden, schwer verletzt in die Maschine und hier in ein Lazarett kamen. Ihre Gesundheitsstörung war häufig eine Folge der Kriegsbeschädigung. Es war aber oft gar nicht so leicht nachzuweisen, dass da ein ursächlicher Zusammenhang bestand zwischen der Verwundung um 1944 und der Gesundheitsstörung um 1980.

Ist Ihnen ein Fall besonders gut in Erinnerung geblieben?

Wiest: Das war ein Mann, der an Multiple Sklerose erkrankt ist. Das ist eine Nervenkrankheit, bei der man bis heute nicht die Ursache kennt und die ganz unterschiedliche Schweregrade hat. Der Mann war bei der Bundeswehr gewesen und hat dort diese Krankheit erlitten. Ich forderte die Akten an, als er zu mir kam. Die waren schon sehr umfänglich. Er hatte jahrelang um die Anerkennung der Multiplen Sklerose als Folge seines Wehrdienstes geklagt, viele Gutachten eingeholt – doch alle waren negativ. In Tübingen gab es zu diesem Zeitpunkt zufällig einen Kongress von Neurologen. Ein Professor aus Göttingen hielt das Hauptreferat. Als ich ihn anschrieb, antwortete er, dass er aus dem aktiven Dienst ausgestiegen sei und keine Gutachten mehr schrieb – aber er empfahl mir einen Assistenten. Der hat das Gutachten dann gemacht und es ist für meinen Mandanten positiv ausgefallen. Es wurde anerkannt und so kam der Mann zu seiner Versorgungsrente.

Welchen Schluss haben Sie für Ihre weitere Arbeit gezogen?

Wiest: Dieser Fall ist mir gut in Erinnerung geblieben, da er so schwierig war. Häufig schreiben Gutachter nur von anderen ab und so kann gar kein neues Ergebnis herauskommen. Ich habe gemerkt, dass es sich lohnt, sich für die Menschen einzusetzen und nach Gutachtern zu sehen, die auf einer anderen Spur unterwegs sind.

Gab es auch Fälle, die Sie frustriert haben?

Wiest: Impfschäden waren ein ganz heißes Thema. Wenn Kinder früher geimpft wurden, weil es vorgeschriebene Mehrfachimpfungen gab – etwa gegen Keuchhusten, Diphtherie – und schwere Folgeschäden erlitten. Das waren teilweise schlimme Erkrankungen, oft Hirnschädigungen oder Lähmungen.
Ich habe mindestens zehn Verfahren dieser Art bearbeitet. Die meisten davon sind aber nicht gut ausgegangen, weil die Mediziner stark zusammengehalten haben gegenüber ihren Kollegen, die die Impfungen durchgeführt haben. Es wurde oft behauptet, dass die Kinder schon zuvor geschädigt waren und nicht durch die Impfungen. Das waren für mich teilweise böse Urteile, unter denen ich auch gelitten habe.

Wie wichtig sind persönliche Einstellungen bei Urteilen?

Wiest: Die menschliche Einstellung der Mediziner, nicht nur der Juristen, spielt eine wichtige Rolle, wenn es um eine gerechte Urteilsfindung geht.

Man sieht, was man will, oder?

Wiest: Ja – das ist ja auch menschlich. Jeder von uns hat bei bestimmten Themen Vorurteile und ist irgendwie geprägt.

Interview von Lena Abushi