Jedes Jahr im September gibt es den Weltalphabetisierungstag. Beinahe unvorstellbar, aber auch hierzulande gibt es rund eine Million Erwachsene, die große Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Um die Betroffenen künftig besser zu erreichen, hat das Kultusministerium gemeinsam mit dem Sozialministerium, dem Wirtschaftsministerium, dem Ministerium für ländlichen Raum knapp 20 weiteren Partnern aus Wirtschaft und Gesellschaft einen Landesbeirat für Alphabetisierung und Grundbildung gegründet. Was dahinter steckt, wollten wir von Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann wissen.


Frau Dr. Eisenmann, rund eine Million Erwachsene haben allein im Ländle Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Waren Sie schockiert aufgrund der Zahl? 


Dr. Eisenmann: Natürlich ist das eine besorgniserregende Zahl. Mit gutem Grund haben Bund und Länder für die Jahre 2016 bis 2026 eine »Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung« ausgerufen. Entscheidend ist, dass wir etwas unternehmen, um die Zahl der Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können, deutlich zu verringern. Baden-Württemberg beispielsweise hat deshalb erst kürzlich einen Landesbeirat für Alphabetisierung und Grundbildung gegründet. Ziel des Beirats ist, dass sich Politik, Bildungsträger, Arbeitgeber, Vereine und Verbände besser vernetzen und gemeinsame Strategien entwickeln. Gleichzeitig wollen wir den Betroffenen Mut machen und das Signal aussenden, dass es nie zu spät ist, Lesen und Schreiben zu lernen.

Eine Million Erwachsene haben Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Wenn die Kinder dazukommen, könnte die Zahl noch gravierend ansteigen oder nicht?


Dr. Eisenmann: Viele der Betroffenen haben tatsächlich einen Schulabschluss. Doch aus vielfältigen und individuellen Gründen haben sie im Laufe der Zeit wieder verlernt, richtig zu lesen und zu schreiben. Deshalb ist es selbstverständlich, dass wir auch die heranwachsende Generation in den Blick nehmen. Deshalb haben wir in Baden-Württemberg die Stundenzahl in Deutsch und Mathematik in der Grundschule erhöht. So stärken wir die wichtigen Kompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen von Anfang an.

Gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Gesellschaftsschichten?


Dr. Eisenmann: Nach Einschätzung von Experten gibt es für das Phänomen viele Gründe. Das Umfeld, in dem die Kinder aufwachsen und die äußeren Umstände, sind dabei bedeutsam. Wie sind die Verhältnisse zu Hause? Wird in der Familie vorgelesen, welchen Stellenwert hat Bildung? Das sind Punkte, die eine Rolle spielen.

Für die meisten Bürgerinnen und Bürger kommen Analphabeten hauptsächlich in den sogenannten Dritte-Welt-Ländern vor. Das scheint nicht zu stimmen. Welche Erklärung haben Sie dafür?


Dr. Eisenmann: Keine Frage, es ist auf den ersten Blick irritierend, dass in einem hoch entwickelten Land wie Deutschland rund 14 Prozent der Erwachsenen nicht richtig lesen und schreiben können. Es geht hier um Menschen, die einzelne Worte, aber keine Sätze und kürzere Texte lesen und verstehen können – wir sprechen von funktionalen Analphabeten. Die Ursachen von funktionalem Analphabetismus sind noch nicht vollständig erforscht.


Man geht davon aus, dass eine Kombination aus familiären, schulischen und individuellen Faktoren dieses begünstigen kann. Misserfolge in der Schule spielen eine entscheidende Rolle. Hier müssen wir als Bildungspolitiker ansetzen, damit Schülerinnen und Schüler früh und Lesen, Schreiben und Rechnen. Zudem handelt es sich immer noch um ein Tabuthema.


Baden-Württemberg hat reagiert und ein breit aufgestelltes Bündnis gegründet. Was steckt dahinter? Wie teuer ist die Kampagne?


Dr. Eisenmann: Das Land ist bereits in den vergangenen Jahren aktiv geworden und hat Impulsprogramme für spezielle Kurse entwickelt und die Förderung der Weiterbildung erhöht. Zudem hat das Kultusministerium von 2015 bis 2018 ein Alphabetisierungsprojekt mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds in Höhe von rund 1,2 Millionen Euro aufgelegt, an dem sich elf Projektträger beteiligen. Dazu gehört neben der Veranstaltung von Kursen vor allem für Erwerbstätige die Einrichtung der Fachstelle für Grundbildung und Alphabetisierung, die von der Technischen Akademie Schwäbisch Gmünd getragen wird. 


Mit dem bereits erwähnten neuen Bündnis holen wir erstmals alle Beteiligten an einen Tisch: Im Landesbeirat für Alphabetisierung und Grundbildung beteiligen sich neben dem Kultusministerium drei weitere Ministerien und über 20 Partnerverbände aus Wirtschaft und Gesellschaft. Es geht darum, die Zielgruppen aus möglichst vielen Lebensbereichen anzusprechen, Erwerbstätige genauso wie Hausfrauen, Rentner oder Vereinsmitglieder. Der Landesbeirat kann die Aktivitäten koordinieren und vor allem dafür sorgen, dass die Betroffenen häufig angesprochen werden, in Behörden und Praxen genauso wie in Schulen und Vereinen. Das ist nach bisherigen Erkenntnissen einer der wichtigsten Wege, um möglichst viele Menschen für eine Kursteilnahme zu motivieren. Gemeinsam werden wir am 22. November einen Grundbildungstag veranstalten, der als Auftakt für die künftige Zusammenarbeit dient.
    
    Die Fragen stellte Gabi Piehler