Medienberichten zufolge hat das Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik (MPI) in Tübingen seine Affenversuche auslaufen lassen. Die letzten zehn Primaten wurden entweder getötet oder an »Einrichtungen im europäischen Ausland« abgegeben. Doch nach Informationen des bundesweiten Vereins Ärzte gegen Tierversuche geht die »leidvolle Affenhirnforschung« an drei anderen Instituten in Tübingen weiter. Aus diesem Grund haben wir nun bei Dr. med. vet. Corina Gericke, Vizevorsitzende von der Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche nachgehakt.

Frau Dr. Gericke, was sagen Sie dazu?
Gericke: Es ist großartig, dass jetzt an einem Institut weniger Affen in der Hirnforschung gequält werden. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass genau die gleichen Versuche auch noch an drei weiteren Einrichtungen in Tübingen sowie am Deutschen Primatenzentrum Göttingen, an der Uni Bremen, an der Uni Magdeburg und am Ernst-Strüngmann-Institut für Neurowissenschaften in Frankfurt stattfinden.
Außerdem ist es erschreckend, dass die letzten zehn Primaten nicht in Auffangstationen abgegeben, sondern getötet oder vermutlich an andere Forschungsinstitute verbracht wurden, das Leid dieser und vieler anderer Primaten geht weiter. Skandalös ist zudem, dass sich das MPI und die Behörden trotz des großen öffentlichen Interesses auch auf Nachfrage über den Verbleib der Affen ausschwiegen.

Es bleibt der Gedanke nicht aus, dass das MPI die Tierversuche nur auf Druck der Medien eingestellt hat. Oder?
Gericke: Der öffentliche Druck hat sicher auch eine wichtige Rolle gespielt. Das MPI gibt als Grund für das Auslaufen ja die angeblichen »Bedrohungen« durch Tierschützer an.
Tatsächlich hat der Direktor der Abteilung Physiologie kognitiver Prozesse am MPI, Nikos Logothetis, in dessen Abteilung die Affenversuche ausgelaufen sind, sein Pensionsalter erreicht. Gut möglich, dass die Versuche sowieso ausgelaufen wären und nicht wegen der »bösen« Tierschützer, die den »armen« Forscher angeblich bedrängt haben.


Das ist typisch für den Unibetrieb. Jeder Forscher hat sein Steckenpferd, sein Interessengebiet, mit dem er viele Artikel in Fachjournalen veröffentlichen kann. Scheidet er aus, enden ganz häufig auch die speziellen Tierversuche. Wenn diese so »lebensrettend« wären, wie uns gern vorgegaukelt wird, wieso werden sie dann nicht fortgesetzt? Nein, Tierversuche werden nicht gemacht, weil sie irgendeinen Nutzen für kranke Menschen haben, sondern wegen der Vorlieben einzelner Forscher und wegen des steten Flusses von Forschungsgeldern in diesem Bereich.

Wo wird denn genau weiter herumexperimentiert?
Gericke: In der Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, im Labor für Primaten-Neurokognition, Abteilung für Tierphysiologie, Institut für Zoologie und im Exzellenzcluster Werner Reichhardt Zentrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) an der Uni Tübingen.

Was für eine Affenart wird benutzt?
Gericke: Hauptsächlich sind es Rhesus- und Javaneraffen, die in der Hirnforschung leiden und sterben müssen.


Und was genau geschieht mit den Tieren?
Gericke: Überall in der Welt werden dabei die mehr oder weniger gleichen Versuche durchgeführt. Üblicherweise werden die Tiere zunächst »trainiert«, stundenlang in einem Affenstuhl fixiert zu sitzen. Damit die Affen machen, was die Forscher von ihnen verlangen, bekommen sie für richtig erledigte Aufgaben mit einem Schlauch ein paar Tropfen Saft in den Mund geträufelt. Außerhalb der Versuche erhalten sie nichts zu trinken, sodass den intelligenten Tieren gar nichts anderes übrig bleibt, als zu kooperieren, um ihren Durst zu stillen. Dann wird den Tieren ein Loch in den Schädel gebohrt, manchmal auch mehrere. Darüber wird eine Kammer montiert, durch die später Elektroden direkt in das Gehirn eingeführt werden können. Ein Metallbolzen wird auf den Schädelknochen geschraubt.

Der Kopf eines Affen wird mithilfe des Bolzens unbeweglich an einem Gestell angeschraubt. Die Tiere müssen auf einen Bildschirm schauen und dabei Aufgaben erledigen, zum Beispiel einen Punkt auf dem Monitor verfolgen oder bei bestimmten Bildern einen Hebel betätigen.
Allein schon die Torturen des »Trainings« können Monate oder Jahre dauern. Sind die Tiere einmal konditioniert, werden sie jahrelang für verschiedene Versuchsreihen verwendet. Der permanente Durst, die bohrenden Kopfschmerzen durch die implantierten Geräte auf dem Schädel, das Anschrauben des Kopfes – das Leid, das diesen Tieren angetan wird, ist unermesslich.

In Berlin und München wurden in den letzten Jahren gleichartige Tierversuche aus ethischen Gründen und mangels medizinischen Nutzens nicht mehr genehmigt. Wodurch halten sich die Affenversuche in Tübingen?
Gericke: Der in England tätige Hirnforscher Alexander Thiele wollte seine Affenversuche an der Berliner Charité fortführen und beantragte eine entsprechende Genehmigung. Der Berliner Senat lehnte jedoch ab. Ausschlaggebend waren die mit diesen Experimenten verbundenen Durstqualen. Die Ablehnung wurde Anfang 2007 rechtskräftig.


Einem Antrag auf praktisch identische Versuche am Klinikum Großhadern in München wurde Ende 2006 ebenfalls die Genehmigung durch die zuständige Behörde verweigert. Im Unterschied zu Berlin wurden die Münchner Versuche seit Jahren genehmigt und durchgeführt. Der Antragsteller erhob zunächst Einspruch, ließ dann aber die Frist für die Begründung verstreichen. Das Verbot ist damit rechtskräftig.
Im Jahr 2008 verweigerte die Gesundheitsbehörde in Bremen dem Affenhirnforscher Andreas Kreiter die Verlängerung seiner Genehmigung. Die rot-grüne Bremer Landesregierung hat vor allem ethische Bedenken. Der Tierschutz überwiege gegenüber dem möglichen Nutzen der Versuche. 


Kreiter pochte jedoch auf seine grundgesetzlich garantierte Forschungsfreiheit und zog vor Gericht. Parallel dazu lief eine zuvor beispiellose Medienkampagne an, bei der sich der Affenforscher als Opfer von Politik und Tierschutz darstellte - die gleiche Strategie, die auch das MPI Tübingen fährt. Nach einem vier Jahre andauernden Rechtsstreit die erschütternde Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Bremen: Kreiter bekam Recht und darf ungehindert weiter quälen. Eine Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht wurde 2014 zurückgewiesen.

Wie kann man sich gegen die Versuche einsetzen? Gibt es Erfolgsgeschichten im Kampf gegen die Affenversuche?
Gericke: Unser Ziel ist ein gesetzliches Verbot von Tierversuchen. Dazu bedarf es eines starken öffentlichen Drucks auf Politik und Gesetzgebung. Jeder kann dabei helfen. Jede Unterschrift, jeder Protestbrief, jede Teilnahme an einer Demo, hilft. Wichtig ist auch, dass Vereine wie Ärzte gegen Tierversuche unterstützt werden. Je mehr wir sind, desto stärker ist die Stimme, mit der wir für die Tiere sprechen können.
  

 Die Fragen stellte Isabelle Wurster