Der pro familia Kreisverband Tübingen/Reutlingen feierte erst kürzlich sein 40-jähriges Bestehen. Um mehr über das Tätigkeitsfeld der Berater_innen und die Anfänge dieser Institution zu erfahren, haben wir bei Grit Heideker, Geschäftsführerin der pro familia Beratungsstellen Tübingen/Reutlingen, nachgefragt.


Frau Heideker, aus welchem Hintergrund heraus wurde der pro familia-Kreisverband 1977 gegründet?
Grit Heideker: Bereits 1952 wurde pro familia in Kassel von Ärztinnen gegründet. In den 50er und 60er Jahren war sie Vorkämpferin für Sexualaufklärung und Empfängnisregelung und gegen illegale Abtreibung. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Beratungsstellen im Bundesgebiet. Seit den 70er Jahren beteiligt sich pro familia an der Schwangerschaftskonfliktberatung gemäß § 218 StGB . Parallel dazu wurden die sexualpädagogischen Angebote flächendeckend ausgebaut. Die Bedarfe nach Beratung waren auch in der Region hoch.

Mit welchen Fragen sahen sich die Berater_innen am häufigsten konfrontiert?
Heideker: Von Beginn an waren es die Themen Familienplanung, der Wunsch nach einer sicheren, passgenauen Verhütung, Fragen rund um Schwangerschaft und Geburt und Sexualität.

Welche Themen stehen heute im Vordergrund?
Heideker: Es werden Beratungsanliegen zu Sexualität, Schwangerschaft, Geburt und Familienplanung bearbeitet und Sexualpädagogik angeboten. Die zentralen Themen sind bis heute geblieben. Jedoch hat sich die Gesellschaft verändert - wir leben in einer globalen Welt, die hohe Anforderungen an die Menschen stellt, ihren Alltag, ihr Zusammenleben zu gestalten. Die Anfragen, die uns erreichen sind daher weitaus bunter und vielfältiger. Es geht um Probleme und schwierige Lebenssituationen, in denen die Ratsuchenden Hilfestellung und Orientierung wünschen. Unseren Auftrag sehen wir darin, sie dabei zu unterstützen, ihnen einen Raum zu geben, sich ihres Problems mit Hilfe professioneller Beratung anzunehmen und Handlungsoptionen zu erarbeiten, Ressourcen zu aktivieren und zu tragfähigen Entscheidung zu gelangen. Wir arbeiten in multiprofessionellen Teams - es beraten Ärzt_innne, Psycholog_innen, Pädagog_innen und Sozialpädagog_innen.

… und was ist immer noch tabu?

Heideker: Es gibt Themen, die sehr intim sind. Hierzu gehören zum Beispiel Anfragen bei sexuellen Problemen. Unser Slogan »pro familia - mit uns können Sie reden« ist daher manchmal nicht so leicht umzusetzen. Da braucht es Alternativen zum Reden.

Welche Konsequenzen ergaben sich daraus und wie reagierten sie?
Heideker: Gerade hier war es uns wichtig, frühzeitig niedrigschwellige Alternativen zur face-to-face-Beratung anzubieten. sextra.de wurde von den Teams der beiden Beratungsstellen unter Leitung von Eberhard Wolz entwickelt. Das Potential des Internets, Ratsuchenden via Mail niedrigschwellig Beratung anzubieten, wurde frühzeitig erkannt. Heute ist sextra.de eine bundesweite Onlineberatung der pro familia. 
In puncto Sexualität: was wünschen Sie sich für unsere Gesellschaft? Jeder Mensch soll als Teil der Gesellschaft frei und selbstbestimmt leben können, auch bezüglich der eigenen Sexualität. Wir wünschen uns eine Kultur, in der sich unterschiedliche sexuelle und partnerschaftliche Lebensweisen entwickeln können und geachtet werden, in der sexuelle Selbstbestimmung als wesentliches Merkmal sozialer Kompetenz gilt.

Wer finanziert und wie trägt sich pro familia?
Heiderker: Für die Dienstleistungsaufgaben werden wir durch verschiedene Geldgeber gefördert. Der gesetzliche Auftrag der Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung wird anteilig durch das Land Baden-Württemberg finanziert. Dies ist im Gesetz so verankert. Darüber hinaus erhalten wir Förderungen durch die Stadt- und Landkreisverwaltungen. Auch dies sind keine Kosten deckenden Finanzierungen. Die Mittel reichen somit regelmäßig nicht aus. Wir sind auf Spenden angewiesen und erhalten Bußgelder. Fundraisingmittel sichern weitere Angebote. Für manche Beratungen erheben wir Kostenbeiträge bei den Ratsuchenden. Jedoch gilt hier der Grundsatz, dass Beratung nicht an der Finanzierung scheitern sollte.