Das Fahrrad feiert in diesem Jahr Jubiläum: vor genau 200 Jahren wurde es erfunden. Heute spielt es auch in Hinblick auf zukünftige Mobilitätskonzepte wieder eine große Rolle. Wir haben mit Kathleen Lumma, Landesgeschäftsführerin des Allgemeinen Deutscher Fahrrad-Clubs Baden-Württemberg, über die Historie und die zukünftigen Entwicklungen des »Drahtesels« gesprochen.

Dieses Jahr feiern wir 200 Jahre Fahrrad. Wie fing alles an und welche Entwicklungen hat das Fahrrad bis heute durchgemacht?
Kathleen Lumma: 1817 erfand Karl Freiherr von Dais die Draisine (Laufrad), die das Pferd ersetzen sollte. Dann tat sich lange nichts bis Anfang der 1860er Pierre Michaux das Rad mit dem Tretkurbel-Vélocipède weiterentwickelte und auf der Pariser Weltausstellung 1867 mit großem Erfolg präsentierte. Drei Jahre später kam das Hochrad auf den Markt. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zur Massenproduktion und das Fahrrad wurde auch für den Normalbürger erschwinglich und vom Statussymbol zum Gebrauchsgegenstand. Vor allem die Arbeiter profitierten vom Rad, da es Zeitersparnis, Flexibilität und Unabhängigkeit mit sich brachte. In den 1950er Jahren mit dem Wirtschaftswunder änderte sich auch die Einstellung zum Rad. Nur wer sich kein motorisiertes Fahrzeug leisten konnte oder keinen Führerschein besaß fuhr noch Fahrrad. In den 1970er Jahren entwickelte sich aufgrund der Ölkrise wieder ein ökologisches Bewusstsein und das Fahrrad wurde langsam wieder wichtiger. In den 1980er führte sich der Trend mit der Entwicklung des Mountainbikes fort. Heute ist das Fahrrad ein Lifestyle-Objekt und es ist und bleibt das umweltfreundlichste Verkehrsmittel. 

Welchen Stellenwert hat das Fahrrad Ihrer Meinung nach in der heutigen Gesellschaft?
Lumma: Erwiesenermaßen nutzen immer mehr Menschen das Fahrrad für den Weg zur Arbeit, zum Sport und auch zum Familienausflug, denn Radfahren hat viele Vorteile: Es ist umweltfreundlich, fördert die Gesundheit und bringt auf kurzen Strecken Zeitersparnisse mit sich. 

Immer mehr Menschen sagen, dass Sie gerne bereit wären auf das Auto zu verzichten und stattdessen das Fahrrad auch zum Pendeln nutzen würden. In der Realität sieht es aber so aus, dass wir verstopfte Straßen mit jeder Menge Autos haben – gerade in Autostädten wie Stuttgart. Gibt es einfach zu wenige und zu schlechte Radwege oder sind die Menschen in Ihrem Verhalten nicht so einfach zu ändern?
Lumma: Wir wissen, dass inzwischen mehr als 60 Prozent aller Arbeitnehmer zum Job pendeln. Pendler brauchen gute Nerven, denn Stau und volle Bahnen bestimmen ihr Leben. Langsam verändert sich – besonders im urbanen Raum – das Mobilitätsverhalten. Pedelecs und E-Bikes erhöhen die Reichweite und vereinfachen damit einen Umstieg aufs Rad. Städte und Kommunen müssen allerdings den Umstieg noch schmackhafter machen z. B. indem sie einen Umstieg von der S-Bahn direkt aufs Leihrad ermöglichen und indem sie Radschnellwege für lange Distanzen erschließen. Aber auch Unternehmen sind gefragt, Ihre Mitarbeiter aufs Fahrrad zu lotsen, indem sie Aktionen wie »Mit dem Rad zur Arbeit« ankurbeln und kostengünstige, steuerlich abschreibbare Dienstfahrräder anbieten. 

Wie könnte man ein Umdenken bei überzeugten Autofahrern erreichen? 
Lumma: Autofahrer müssen davon überzeugt werden, dass Radfahren ein perfektes Mittel zur Fortbewegung vor allem auf kurzen Strecken im Alltag ist. In vielen Städten sind Radfahrer bereits schneller unterwegs als Autofahrer.
Als Radfahrer findet man schneller einen Parkplatz, in der Regel kostenfrei. Ein weiterer Vorteil: Das Fahrrad hält fit. Wer täglich damit zur Arbeit fährt macht mehr für seine Fitness, als jemand der einmal in der Woche joggen geht.
Und das Beste: Die Fitnesseinlage auf dem Rad frisst nicht am Zeitbudget, denn die Zeit würde man ja sonst im Auto sitzen. Und für alle, die nun mit dem Argument kommen, sie möchten nicht verschwitzt im Büro ankommen – mit dem Pedelec lassen sich auch größere Entfernungen ohne Schweißausbruch zurücklegen. 


Spielt das Fahrrad gerade mit Blick auf die Feinstaub-Thematik inzwischen eine ganz besondere Rolle?
Lumma: Das Fahrrad spielt eine immer wichtigere Rolle. Dies hat auch die Landesregierung erkannt. Das Autofahrerland Baden-Württemberg will mit einer neuen Strategie künftig noch mehr Menschen zum Radfahren bewegen. Gegen die hohe Luftverschmutzung mit Feinstaub und für eine bessere Gesundheit will das Land den Radverkehr bis 2020 auf rund 16 Prozent verdoppeln. Auch die Radler machen Druck: Am 21. Mai demonstrieren neben dem ADFC viele radaffine Verbände unter dem Slogan »FahrRad statt Feinstaub« auf ihrer diesjährigen RadSternfahrt Baden-Württemberg für fahrradfreundliche Städte im Land. 

Gibt es bestimmte Jubiläumsaktionen in diesem Jahr?
Lumma: Der ADFC nutzt das 200-jährige Fahrradjubiläum natürlich auch für viele Aktionen. So gibt es am letzten Sonntag im April den ersten offiziellen RadtourenTag, an welchem landesweit viele von ADFC-Tourenleitern ausgearbeitete Touren angeboten werden. Zusätzlich zu den am 30. April angebotenen Touren gibt es eine Online-Broschüre mit 200 TraumRadtouren in nahezu allen Regionen in Baden-Württemberg verteilt über das gesamte Fahrradjahr. 

Wenn Sie in die Zukunft schauen: was könnten die nächsten Trends oder Entwicklungen des Fahrrads in näherer Zukunft oder auch in den nächsten 200 Jahren sein?
Lumma: Trendthema Nummer Eins sind natürlich nach wie vor die Entwicklung neuer und weiterer Technologien. Das Thema Smart-Bikes, das voll vernetzte Fahrrad steht an, wobei der Lenker zum Cockpit wird. Ausgestattet mit Navi, Musikplayer und Social-Media-Anbindung mit integrierter Alarmanlage und der Möglichkeit, unterwegs die Fitness zu checken. Auch das Thema E-Bikes für alle ist ein Trendthema: Im Stuttgarter Umland gibt es bereits ein Pilotprojekt. An fünf Bahnhöfen können Reisende ein E-Bike leihen und dank digitaler Vernetzung an verschiedenen Orten wieder zurückgeben. Auch kann man das Rad für einen geringen Kostensatz über Nacht nach Hause nehmen. 
Ein weiterer Trend sind Luxusräder, deren Herstellung ökologisch durchdacht ist. Baustoffe wie Holz und Bambus kommen ins Spiel. Dann wären noch die Bikekitchen/Fahrradküchen zu erwähnen, in denen Schrauber nicht nur Werkzeug, sondern Reparaturtipps, Hilfe und gebrauchte Ersatzteile verbauen können.  Und last but not least das Thema Fahrrad-Highway/Radschnellwege, damit Pendler möglichst schnell und sicher längere Distanzen ohne viele Ampeln schnell und sicher zurücklegen können.                                                                                                                                                                                                                                    Interview von Torsten Franken