Hospiz kommt aus dem Lateinischen und heißt übersetzt so viel wie »Herberge«. Damit gemeint ist eine Einrichtung der Sterbebegleitung. Die gibt es in Deutschland seit 1986. Die Region ist ebenfalls gut vertreten, dennoch fehlt es an Mitarbeitern, die ehrenamtlich mitmachen. Der Ambulante Hospizdienst Reutlingen lädt deshalb zu einem Informationsabend für potentielle ehrenamtliche Mitarbeiter ein. Wir sprachen mit der Geschäftsführerin Silvia Ulbrich-Bierig über die Vorbereitung auf eine anspruchsvolle Aufgabe, die den Blick auf das eigene Leben verändern kann.

Wie viele ehrenamtliche Mitarbeiter sind bei Ihnen im Einsatz?

Ulbrich-Bierig: Von den über 100 ehrenamtlich Mitarbeitenden kümmern sich etwa 80 um die Sterbebegleitung Erwachsener, 25 Ehrenamtliche sind im Kinder- und Jugendhospizdienst tätig.

Können Sie mit diesem ehrenamtlichen Personal alle Anfragen abdecken? 

Ulbrich-Bierig: Leider nicht. Wir suchen dringend neue ehrenamtliche Mitarbeiter. Früher setzte sich unser ehrenamtliches Team überwiegend aus Frauen ab Mitte 50 zusammen, die ihre Aufgabe über einen langen Zeitraum von 20 bis 25 Jahren ausgeübt haben. Heute sind unsere Ehrenamtlichen meist fünf bis zehn Jahre jünger und bleiben nicht mehr so lange dabei, häufig nur noch zwei bis vier Jahre. Wenn die ehrenamtlichen Mitarbeiter noch berufstätig sind, stehen sie uns nicht mehr ständig zur Verfügung. Wir tun uns deshalb besonders schwer damit, jemanden für die Nachtdienste zu finden. Auch Rentner sind heute häufig sehr eingespannt, weil sie mehrere Ehrenämter gleichzeitig ausüben. Im Kinder- und Jugendhospizbereich fallen Begleitungen vorwiegend nachmittags, manchmal auch am Wochenende an. In dem Bereich sind es auch meist Begleitungen über einen längeren Zeitraum, manchmal auch Jahre.

Vielleicht liegt es ja auch an der hohen psychischen Belastung?

Ulbrich-Bierig: Nein. Viele der Ehrenamtlichen empfinden die Arbeit nicht als belastend, sondern eher als Bereicherung. Die Mitarbeiter bekommen das Vertrauen der Person geschenkt, die sie betreuen. Sie erhalten sehr viel Wertschätzung und Dankbarkeit von den Familien, die sie regelmäßig besuchen. Und sie bekommen viel Anerkennung in ihrem sozialen Umfeld. Falls es belastende Situationen gibt, können sie diese in regelmäßigen Supervisionen ansprechen und klären. Unterstützt werden die Ehrenamtlichen auch durch regelmäßige Rücksprachen mit den hauptamtlich Mitarbeitenden.

Verändert diese Arbeit auch das Verhältnis zum eigenen Leben und Sterben?

Ulbrich-Bierig: Wer sich im Hospizdienst engagiert, setzt sich intensiv mit einem Tabuthema auseinander. Das kann dazu motivieren, die eigenen Prioritäten im Leben neu zu überdenken. Und man verliert die Unsicherheit im Umgang mit Trauernden.

Um was geht es in dem Kurs?

Ulbrich-Bierig: Die Schulung gliedert sich in einen Grund- und Aufbaukurs. Der Grundkurs umfasst fünf Abende und ein Wochenende. Dabei sollen die Teilnehmer vor allem herausfinden, wie sie selber mit den Themen Tod und Trauer umgehen und ob sie für den Hospizdienst geeignet sind. Der Aufbaukurs deckt mit 19 Abenden und drei Wochenenden ein breites Spektrum an Themen ab, das von der Schmerztherapie und dem Unterschied zwischen Sterbebegleitung und Sterbehilfe über den Umgang mit Demenz bis zu den Bedürfnissen von Kindern, die mit dem Tod konfrontiert werden und der kultursensiblen Begleitung von Menschen mit Migrationshintergrund reicht. Der Kurs schließt auch Hospitationen ein, bei denen die Teilnehmer dort praktische Erfahrungen sammeln, wo sie auch nach dem Kurs eingesetzt werden: In Kliniken, Pflegeheimen, dem stationären Hospiz in Eningen, in privaten Haushalten oder in Einrichtungen für schwer erkrankte Kinder und Jugendliche. Am Ende des Kurses bekommen die Teilnehmer ein Zertifikat und eine Bestätigung der Hospitation. Damit können sie sich in ganz Baden-Württemberg als ehrenamtliche Mitarbeiter im Hospizdienst bewerben. Denn die Lehrpläne für diese Kurse sind landesweit einheitlich.

Von wem werden die Kursteilnehmer unterrichtet?

Ulbrich-Bierig: Die Kurse werden von den hauptamtlichen Mitarbeiterinnen des Ambulanten Hospizdienstes geleitet. Unterstützt werden sie dabei von externen Referenten zu den jeweiligen Themen.

Wie zeitintensiv ist die Arbeit?

Ulbrich-Bierig: Dafür gibt es keine starre Regel. Die Ehrenamtlichen geben ihre Zeitfenster an, in denen sie für Einsätze bereit sind. 

Wer eignet sich für den Hospizdienst?

Ulbrich-Bierig: Grundsätzlich jede und jeder. Menschen die gerade selber eine starke Trauer durchlebt haben, sollten allerdings lieber warten, bis sie sich nicht mehr so intensiv mit sich selber beschäftigen müssen. Wichtig sind eine hohe Flexibilität und die Bereitschaft, sich auch nachts sowie an Sonn- und Feiertagen zu engagieren. Der Hospizdienst braucht einfühlsame Zuhörer. Mitarbeiter für den Erwachsenenbereich sollten aus der Stadt und den Stadtteilen von Reutlingen kommen, für den Kinder- und Jugendhospizdienst suchen wir Interessierte aus dem ganzen Landkreis Reutlingen.                                                                                                                                                                           –pi/rw

(Silvia Ulbrich-Bierig ist seit neun Jahren Geschäftsfüherin des Ambulanten Hospizdienstes in Reutlingen. Im Team der ausgebildeten Sozialpädagogin und Krankenschwester sind weitere fünf festangestellte Mitarbeiter.)

Der Infoabend beginnt am Montag, 10. September, um 18.30 Uhr beim Ambulanten Hospizdienst Reutlingen, Oberlinstraße 16. Im Anschluss startet der Vorbereitungskurs. Das Oberlin-Viertel befindet sich beim Bruderhaus-Areal in der Ringelbachstraße.

www.hospiz-reutlingen.de