Die Initiative »plusEinhundert – Netzwerk Arbeit inklusiv« der Inklusionskonferenz im Landkreis Reutlingen hat ein ehrgeiziges Ziel: 100 neue Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung. Ein gelungenes Beispiel für Inklusion findet sich im Nachbarschaftszentrum Reutlingen.

REUTLINGEN. Nicole Mouton hat eine fünf-Tage-Woche. Montags bis freitags von 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr macht sie Wäsche, putzt, gießt die Blumen, spült oder bereitet das Frühstück für die Kindergruppe vor. Das Besondere: Nicole Mouton gilt als schwerbehindert. Aufgrund einer Lernbehinderung hat sie keinen Schulabschluss. Lesen und schreiben sowie vorausschauendes Denken fällt ihr schwer. Ihre Aufgaben im Nachbarschaftszentrum erledigt die 42-jährige aber ohne Probleme und mit großem Engagement. »Ich wollte unbedingt auf den Arbeitsmarkt«, sagt sie beim Pressegespräch. Bei den Werkstatt-Arbeiten der BruderhausDiakonie habe sie sich auf Dauer gelangweilt, erzählt sie. Auch ihr Wohnbetreuer erkannte, dass Nicole deutlich mehr kann. So entstand der Kontakt zum Nachbarschaftszentrum. Dort absolvierte sie zunächst ein Praktikum. Seit 2009 ist Nicole Moutuon fest angestellt.
Zu Beginn habe es etwas gedauert, bis sich alle richtig gefunden hätten, erzählt Martina Hemmert, die seit elf Jahren im Nachbarschaftszentrum arbeitet: »Inzwischen ist Nicole eine große Erleichterung für uns.«
Ihre täglichen Aufgaben findet Nicole Mouton auf einem Plan am Kühlschrank. »Es ist wichtig, dass es immer wiederkehrende Arbeiten und Rituale sind«, so Hemmert.
Nicole Mouton ist ein gutes Beispiel für gelungene Inklusion – auch neben ihrer Arbeit. So ist es allen Beteiligten ganz wichtig, dass sie gemeinsam mit der Kindergruppe frühstückt und so mit dazugehört. Alleine gelassen werden sie und auch das Nachbarschaftszentrum eh nicht. Der Integrationsfachdienst Neckar-Alb vermittelt und begleitet die »Klienten« und ist ständiger Ansprechpartner. Der Integrationsfachdienst ist auch einer der Partner im Netzwerk »plusEinhundert«, das 2016 gegründet worden ist und innerhalb von fünf Jahren 100 neue Arbeitsplätze für Menschen mit einer wesentlichen Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt schaffen will. »Das ist schon eine sportliche Zahl«, gibt Susanne Blum, Leiterin der Geschäftsstelle Inklusionskonferenz, zu. Aktuell sei man allerdings schon bei 25. In der Regel sind das »Nischenarbeitsplätze«, erklärt Rainer Dibbern vom Integrationsfachdienst. Zunächst müsse man Bedarfe ermitteln und sehen, wo kann ein Platz geschaffen werden. »Als Nicole hier im Praktikum war, ist erst der Gedanke entstanden, welcher Arbeitsplatz für sie entstehen kann«, stimmt Martina Hemmert zu. Dieser Weg kann aber auch eine Chance für Stellen sein, die es sonst überhaupt nicht geben würde, so wie im Nachbarschaftszentrum. Denn ohne Nicole Mouton würde diese Unterstützung für die anderen Mitarbeiter erst gar nicht existieren. Bis zu 70 Prozent der inklusiven Stellen werden nämlich gefördert. Hilfe bei den Anträgen, bei Formaila und Bürokratie bietet der Integrationsfachdienst. Dennoch bleibt das Feld schwierig: »Wir wollen möglichst viele neue Arbeitgeber finden, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen, aber es gibt nach wie vor Ängste und Vorbehalte«, sagt Susanne Blum. Dabei steht für Rainer Dibbern fest: »Inklusion ist eine Haltungssache – wenn der Wille vorhanden ist, kann man es auch umsetzen.«