Monat für Monat präsentiert uns die Arbeitsagentur neue Erfolgsmeldungen vom Arbeitsmarkt. Da macht auch die Arbeitsagentur in Reutlingen keine Ausnahme: »Im Februar waren 8 787 Menschen arbeitslos gemeldet. Das sind 98 Menschen weniger als noch im Januar. Und sage und schreibe 1 050 Arbeitslose weniger als ein Jahr zuvor«, heißt es in der offiziellen Pressemitteilung. Schon seit langem werfen Kritiker ein, dass die Zahlen geschönt seien, also nicht den wirklichen Stand der Arbeitslosigkeit wiedergeben.  


Tatsache ist, dass nicht jeder, der einen Job sucht, in der Arbeitslosenstatistik auftaucht. Die echte Arbeitslosenzahl wird nicht verschwiegen. Sie wird nur unter dem schwer zugänglichen Begriff »Unterbeschäftigung« veröffentlicht und in den Mitteilungen immer unter der offiziellen Arbeitslosenzahl angeordnet. Das Resultat: Die echte Zahl der Menschen, die keinen Job haben, ist kaum bekannt.  Richtig ist auch, dass nach den gesetzlichen Vorgaben viele Menschen nicht als arbeitslos zählen, die in der Statistik eigentlich auftauchen müssten. Wer über 58 Jahre alt ist und Hartz IV bezieht, ist nicht aufgeführt. Ein Erwerbsloser, der sich wegen Grippe krankmeldet, wird für die Zeit seiner Arbeitsunfähigkeit einfach nicht gezählt. Nicht mitgerechnet werden außerdem Klienten des Arbeitsamts, die an einem Bewerbungstraining oder einer Weiterbildung teilnehmen, die einen Ein-Euro-Job haben oder die ein privater Bildungsträger betreut.

Alles in allem kommen so Monat für Monat in der gesamten Republik eine Million Menschen mit einem nachweislichen Beschäftigungsproblem hinzu, die aber als nicht arbeitslos gelten. Diese Zahlen sind deshalb so genau bekannt, weil die Bundesagentur für Arbeit sie jeden Monat selbst veröffentlicht. Auch die Arbeitsagentur in Reutlingen weist im Statistikteil die Position Unterbeschäftigung aus. Dort steht, dass im Februar 2018 die Unterbeschäftigtenzahl (ohne Kurzarbeiter) bei 13 162 lag. Also eine um über 4 000 Personen höhere Zahl. Nicht zu verkennen ist, dass insgesamt der Trend auch mit der echten Arbeitslosenzahl positiv bleibt. Immer weniger Menschen sind arbeitslos. Dennoch: Es macht für die Arbeitsvermittler einen Unterschied, welche Gruppen wie gezählt werden. Jobcenter hören immer wieder den Vorwurf, sie würden Hartz IV Empfänger zu schnell in Maßnahmen stecken, die den Arbeitslosen wenig bringen. Der schwarze Peter liegt eindeutig nicht bei der Arbeitsagentur. 


Es ist die Politik, die gerne mit immer niedrigen Arbeitslosenzahlen in den Wahlkampf zieht und mit Gesetzesänderungen die Vorgaben macht, wer als arbeitslos gezählt wird und wer nicht. Zuletzt war es der ehemalige Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) im Jahr 2008. Die Zahl der Arbeitslosen sank pünktlich vor dem Bundestagswahlkampf 2009. Schon vorher haben Politiker immer wieder durch Gesetzesänderungen die Berechnungsgrundlage verändert. Ein Jahr vor der Bundestagswahl 2005 wurde unter Wolfgang Clement (SPD) – damals Arbeitsminister – eine neue Zeile ins Sozialgesetzbuch hinzugefügt. Seitdem gelten »Teilnehmer an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen« nicht mehr als arbeitslos. Selbst die echte Arbeitslosenzahl stellt am Ende nicht das echte Ausmaß dar.

In der Statistik tauchen nur die Personen auf, die sich auch arbeitslos melden. Das Forschungsinstitut der Arbeitsagentur (IAB) schätzt, dass über 200 000 Arbeitslose nicht in der Statistik erfasst werden. Noch krasser sieht es aus, wenn die weltweit übliche Statistik der Internationalen Arbeitsorganisation der UN Grundlage ist. Sie wird zum Beispiel vom Statistischen Bundesamt verwendet. Danach gilt als arbeitslos, wer bei einer Umfrage angibt, dass er keinerlei bezahlter Beschäftigung nachgeht und sich in den vergangenen vier Wochen um einen Job bemüht hat. Das ergibt für Deutschland gerade mal 1,8 Millionen Arbeitslose. Die Politik würde viel an Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, wenn sie bei der Arbeitslosenstatistik sich nicht vom nächsten Wahlkampf leiten lassen würde, sondern die so genannten Unterbeschäftigten in ihre offizielle Zählung einbeziehen würde.