Der Alptraum schlechthin: Senioren mit Krückstock und grauhaarige Damen mit Rollator warten auf Einlass. Die Jugend fährt mit dem E-Troller einen weiträumigen Bogen um die Wahllokale. Seit Jahren verstetigt sich der Trend: Je älter die Wahlberechtigen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie wählen gehen. Und nun kommen ausgerechnet zwei Wahlen am 26. Mai zusammen, die so gar nichts miteinander zu tun haben: Gewählt werden soll bei der Europawahl das wählerfernste Gremium in Straßburg und parallel dazu das schwierigste, aber mit der größten Direktwirkung auf das private Dasein: Der Gemeinderat in der jeweiligen Kommune.
Rund 19 000 Gemeinderäte in den 1101 Städten und Gemeinden, rund 2200 Kreisräte in den 35 Landkreisen sowie die 80 Mitglieder der Regionalversammlung Stuttgart werden am Sonntag in einer Woche gewählt. Auch im Ermstal hoffen die Kandidaten auf die Stimmen der Bürger.

Während bei Bundes- und Landtagswahlen in Deutschland die Wahlbeteiligung in der Regel noch über 70 Prozent liegt, bewegt sich diese bei der Europa- und Kommunalwahl, die gemeinsam abgehalten werden, knapp unter der 50-Prozent-Marke. Dass der gemeine Wähler keine große Lust verspürt, wählen zu gehen, angesichts des Europafrustes und des Brexit-Debakels - die Briten gehen übrigens auch wählen - nimmt kein Wunder. Daran ändert vermutlich auch die Initiative »Diesmal wähle ich« der Europäischen Union nichts.
Sinnbildlich wird es bei einem Spaziergang durch Metzingen. Da fallen einem eine Handvoll großflächiger Plakate auf, auf denen Europa entweder »stark« oder »sozial« gemacht werden soll. Worthülsen, die nichts aussagen. Ansonsten sind es die kleinen Schilder an den Straßenlaternen, die dominieren und auf denen schwerpunktmäßig für die kommunalen Vertreter geworben wird. Denn völlig anders gestrickt sind die Kommunalwahlen.

Hier wartet in Baden-Württemberg Arbeit auf den Wähler. Kumulieren und Panaschieren sind die zwei Fremdwörter, die jeder beherrschen sollte, der ein Wahllokal betritt. Kumulieren (Häufeln) bezeichnet die Abgabe mehrerer Stimmen (maximal drei Stimmen) für einen Kandidaten. Die Möglichkeit des Panaschierens (Mischen) bedeutet nichts anderes, als dass sich der Wahlberechtigte aus allen Wahlvorschlägen die Kandidaten heraussuchen kann, die er kennt oder die er für geeignet hält. Dadurch ist es etwa möglich, dass CDU-Bewerber auf die SPD-Liste übernommen werden können und umgekehrt, was sicher nicht im Interesse der jeweiligen Partei ist. 
In der Regel wird der Wähler dabei so vorgehen, dass er den Wahlvorschlag als Grundlage nimmt, auf dem er die meisten Kandidaten wählen will. Erstaunlich ist, wie der Trend zum Kumulieren und Panaschieren zunimmt, je kleiner die Gemeinde wird - also die Nähe zu den jeweiligen Kandidaten zunimmt, da er einem tagtäglich im Supermarkt, beim Bäcker oder Metzger über den Weg läuft.

In Großstädten kumulieren und panaschieren teilweise über fünfzig Prozent der Wählerinnen und Wähler, in kleineren Gemeinden steigt der Anteil auf bis zu neunzig Prozent. Umso mehr überrascht die Feststellung des baden-württembergischen Innenministeriums in den Berichten über die letzten Kommunalwahlen, dass der Anteil der ungültigen Stimmzettel beispielsweise bei der letzten Wahl 2014 nur 3,1 Prozent ausmachte. Diese Zahl zeigt, dass trotz der statistisch nachweisbaren Wahlapathie der Jüngeren, die Kommunalwahl das basisdemokratischste Mittel ist, mitzuwirken an der Gestaltung der eigenen Stadt oder Gemeinde. Hier kann sich der gewählte Volksvertreter nicht hinter der Partei oder einem eloquenten Pressesprecher verstecken, sondern muss auf dem Wochenmarkt oder vor der Rathaustür Rede und Antwort stehen, warum er beispielsweise für das Kombibad oder gegen den Neubau einer Straße gestimmt hat.

Auf einen kurzen Nenner gebracht: Wer nicht wählen geht, lässt andere entscheiden, wer einen vertreten soll. Dem dann getroffenen Votum kann ich mich - zumindest für die Wahlperiode - nicht entziehen. Wenn ich selbst entscheiden will, wer mich vertritt, muss ich zur Wahl gehen und meine Stimme abgeben. Wohin Wahlverweigerung führen kann, haben die jungen Briten erleben müssen. Sie waren mehrheitlich gegen den Brexit, stimmten aber nicht ab. Die Alten setzten sich durch, was dabei herausgekommen ist, dafür liefern die Medien tagtäglich die Schlagzeilen.