Das beste Geschäft machen Buchhandlungen in den vier Wochen vor Weihnachten. Schließlich ist das Buch neben dem Parfum der letzte Notnagel für gestresste Weihnachtsgeschenkeinkäufer. Wenn dann in dieser Zeit zwei Tage lang an Metzingens renommiertestem Buch- und Schreibwaren laden ein Schild hängt »Wegen Inventur geschlossen« macht das einen schon stutzig. Und die Auflösung lässt nicht lange auf sich warten. Die Inhaberin des Traditionshauses in der Schönbeinstraße, Jasmin Waidmann, hat beim Amtsgericht Tübingen Insolvenz angemeldet. Betroffen sind sowohl der Buchladen als auch die Papeterie - die Geschäfte sind nur wenige Meter auseinander.

Die Inventur hatte der Tübinger Rechtsanwalt Michael Riegger veranlasst, der vom Amtsgericht zum Insolvenzverwalter bestimmt wurde. Rieggers erste Amtshandlung war, den Bestand in beiden Geschäften zu sichern. Wie es weitergeht, wollte er noch nicht sagen. Möglich sind verschiedene Modelle – von der Schließung beider Geschäfte, über den Einstieg eines Investors bis zur Weiterführung. Jasmin Waidmann betont, dass es sich um ein vorläufiges Insolvenzverfahren handelt. Die Insolvenz eines Buchladens in Deutschland fällt nicht vom Himmel. Also auch nicht die in Metzingen. Zwar gibt es laut Zahlen des Börsenvereins des deutschen Buchhandels in Deutschland noch rund 6 000 Buchläden, aber die Branche schrumpft. Im klassischen stationären Buchhandel, der mit 4,3 Milliarden Euro immer noch fast die Hälfte des Gesamtumsatzes erzielt, lag das Minus im vergangenen Jahr bei zwei Prozent. Der Internet-Handel erzielte dagegen erneut ein Plus von 1,5 Prozent. Der Umsatz, den die Verlage direkt erzielen, bewegt sich bei knapp über 20 Prozent, daneben tragen weitere Verkaufsstellen wie etwa Warenhäuser zum Umsatz bei.

Nicht wegzudiskutieren ist, dass die Zahl der Buchkäufer von Jahr zu Jahr weniger wird. Laut Zahlen des Börsenvereins hat der deutsche Buchmarkt in den Jahren von 2012 bis 2016 mehr als sechs Millionen Buchkäufer verloren; 30,8 Millionen Käufer sind es heute insgesamt - vor fünf Jahren waren es noch 36,9 Millionen. Ein Trend, der sich im ersten Halbjahr 2017 fortsetzte: Es verschwanden 600 000 Käufer. Weniger Buchkäufer heißt auch weniger Buchleser. Die Zahl der Menschen, die mindestens einmal pro Woche ein Buch in die Hand nehmen, hat sich nach einer Allensbach-Umfrage von 49 Prozent im Jahr 2012 auf 42 Prozent 2017 reduziert. Der Rückgang betrifft nicht mehr nur die junge (14 bis 29 Jahre), sondern auch die mittlere Generation (30 bis 59 Jahre), also die Eltern der Kinder, die diese eigentlich zum Lesen animieren sollten. Dabei ist signifikant, dass der Trend weg vom Buch auch die Menschen mit höherer Bildung erfasst. Nun ist dieser bundesweite Trend, dass weniger Menschen Bücher lesen, mehr über den Internetverkaufsriesen Amazon bestellen die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite gibt es in Metzingen mit seinen 22 000 Einwohnern gerade mal zwei Buchhandlungen und die Buch und Papier Stoll ist für die meisten Metzinger gesetzt. Seit 1935 gehört die Buchhandlung Stoll zu Metzingen wie der nur wenige Meter entfernte Bahnhof.

Die Inhaberin führt für die Misere die Bequemlichkeit vieler Buchleser zum bequemen Online-Kauf an und beklagt die sicherlich nicht einfache Parkplatzsituation in der Schönbeinstraße, wobei der Buchladen eigene Parkplätze ausweisen kann. Jasmin Waidmann gesteht auch ein, dass sie bei der Übernahme der Buchhandlung 2012 sich eine finanzielle Fehleinschätzung leistete und zu hohe Umsätze voraussetzte, die sich nicht mehr generieren ließen. Dass die Aufgabe der Eisdiele am Kelternplatz zu fehlender Laufkundschaft führte, wie sie sagt, ist angesichts tausender Outlet-Touristen, die von und zum Bahnhof durch die Schönbeinstraße laufen, eine nicht stichhaltige Ursache. Zwei Geschäfte zu betreiben ist dagegen eine besondere Herausforderung. Ist schon der Rückgang der Kunden im Buchhandel ein Trend, gilt dies sicherlich für einen Papierwarenladen: Glückwunsch- oder Trauerkarten gibt es in bald jedem Supermarkt, Papier oder Umschläge kaufen die Menschen im Großhandel oder Online.
Vielleicht ist ja die Konzentration auf den Buchhandel, das richtige Konzept so dass die Metzinger auch in Zukunft beim »Stoll« ihre Bücher einkaufen können.