Man schrieb das Jahr 1972. Der Kolumnist dieser Zeilen saß eine seiner ungeliebten Mathestunden im Metzinger Gymnasium ab, das noch keinen eigenen Namen hatte, als Lehrer Arthur Münster plötzlich abschweifte: Seit vergangenem Jahr gebe es eine Schulpartnerschaft mit dem Noyoner Collége Louis Pasteur. Wer denn beim zweiten Anlauf aus der Klasse dabei sein wolle? Zwei Wochen lang käme der französische Austauschschüler zu Gast, zwei Wochen reise man dann in das Städtchen Noyon, das etwa 100 Kilometer nördlich von Paris liege. Nach Rücksprache mit der häuslichen Erziehungsgewalt gab es grünes Licht. Organisiert wurde der Austausch von deutscher Seite durch Französischlehrerin Ilse Münster und ihren Mann Arthur. Und so entstieg im April 1972 ein schüchterner Junge namens Régis den Bus und das erste große Abenteuer begann. Manchen Eltern würden heute die Haare zu Berge stehen, welch Freiheiten sich die Jungs und Mädels gönnten – ganz ohne Mobilfunkkontrolle.

Was als Schüleraustausch begann, ist heute eine offizielle Partnerschaft und am Samstag, 4. Mai wird im Bindhof in Neuhausen groß gefeiert. Vor 40 Jahren wurde die französisch-deutsche Freundschaft mit Noyon besiegelt. Aus dem Jahr 1979 stammt der legendäre Ausspruch des damaligen Kanzlers Helmut Schmidt: »Wer eine Vision hat, soll zum Arzt gehen.« Schmidt hatte sicherlich in vielem Recht, aber nicht in diesem Punkt. Die Verantwortlichen in Noyon und Metzingen hatten eine Vision. Dass in Zeiten, in denen sich Ost und West immer noch feindselig gegenüberstanden, die Mauer zwei Deutschlands trennte, zumindest zwischen den ehemaligen Erzfeinden Frankreich und Deutschland eine Freundschaft entstehen möge, die zum Motor für ein geeintes Europa würde. Metzingens Bürgermeister Eduard Kahl und sein Amtskollege in Noyon, Pierre Dubois beobachteten mit Freude, was sich auf Schüler- und Lehrerebene entwickelte. Acht Jahre nach dem ersten offiziellen Schülerbesuch setzten die beiden Stadtoberhäupter 1979 ihre Unterschriften unter den Freundschaftsvertrag. Darin wurde das Wesentliche auf den Punkt gebracht: »Die Bürger sollen einander freundschaftlich näher kommen und das gegenseitige Verstehen und die Achtung des Einen vor dem Anderen mehren und festigen.«

Im Anschluss begannen die gegenseitigen Besuche auch für Erwachsene und es wurde ein Partnerschaftskommitee eingerichtet (Vorstand war lange Jahre Artur Münster). Bis heute sind jedoch die Begegnungen der Schüler untereinander das Salz in der Suppe der Partnerschaft. Und aus den deutsch-französischen Schulfreundschaften sind Freundschaften fürs Leben geworden. Sichtbare Zeichen der Verbundenheit sind in Metzingen eine große Platane an der Metzinger Stadthalle, ein Schild am Rathaus und die Noyon-Allee. In Noyon gibt es analog dazu den Boulevard de Metzingen. 2000 bildete sich der Partnerschaftsverein Metzingen-Noyon. Seither gibt es Begegnungen auf unterschiedlichen Ebenen.

Beispielsweise Treffen sich Feuerwehr, Rotes Kreuz, kirchliche Organisationen, Musikvereine (über die Musikschule und die Orgelisten), Sportler (Schwimmer, Radsportler, Fußballer) oder Künstler (regelmäßige Teilnahme von Künstlern aus Noyon am Metzinger Pfingstmarkt). Aktuell hat der Partnerschaftsverein in Metzingen rund 100 Mitglieder. Vorsitzende ist Ulrike Lamp-Schaich. Leider verstorben ist im vergangenen Jahr der langjährige Partnerschaftsvorsitzende in Noyon, Daniel Naour. Die ehemalige Vorsitzende Jocelyne Moyat hat den Vorsitz daraufhin erneut übernommen. Wenn am Freitagabend die 40 Gäste aus Noyon bei den Stadtwerken aus dem Bus steigen, wird ein vollbepacktes Programmpaket (siehe unten) aufgeschnürt.