Ob bei den Rindern und Schweinen in den Ställen der Umgebung Jubel ausgebrochen ist, weil sie nun ein Jahr länger in Metzingen zur Schlachtbank geführt werden und nicht in einem Massenbetrieb enden, ist nicht überliefert. Fakt ist, dass der Metzinger Gemeinderat sich nicht durchringen konnte bereits zum Jahresende den Schlachthof dicht zu machen, stattdessen gewährte das Gremium der Institution einen Aufschub von einem weiteren Jahr bis zum 31. Dezember 2020. Der Schlachthof ist ein Stück Metzinger Geschichte. Betrieben wird er seit 1848, seit 1883 ist sein Standort am Ermskanal in der Sannentalstraße. Immer in der Hand der Stadt gibt er Landwirten und Metzgern aus der Region gegen eine Gebühr die Möglichkeit, ihre Tiere ortsnah und artgerecht zu vermarkten.

Für ihre löbliche Rede vor dem Gemeinderat am vergangenen Donnerstag gab es von den Ratskollegen zu Recht Beifall für die Tierärztin Ursula Wilgenbusch. Sie plädierte vehement für den Erhalt des Schlachthofs. Nur so sei gewährleistet, dass der Verbraucher wisse, wo sein Fleisch herkomme. Für alle, die gerne Fleisch und Wurst essen, sollte deshalb nicht nur die artgerechte Aufzucht, sondern auch das artgerechte Schlachten ein Muss sein. Dies ist am Besten zu gewährleisten, wenn der Schlachthof nur wenige Kilometer von der Weide entfernt ist. Nun ist aber die Schließung des Metzinger Schlachthofs nicht einfach so vom Himmel gefallen. Schon bisher grenzte der Schlachthof an das Wohngebiet an, störte aber wenig, denn dahinter begann das alte Werksgelände von Gaenslen & Völter. Mittlerweile stehen dort aber schicke Outlets, das Flagship Store von Boss kommt im Herbst dazu und zwei Hotels sollen auch noch auf dem Areal eröffnen.

Die Friedrich-Herrmann-Straße bildet zudem das Entrée zur Tiefgaragenzufahrt. Auf der anderen Seite der Sannentalstraße steht mittlerweile das erste Mehrgenerationenhaus in Metzingen mit Blick auf den Schlachthof. Seit mehr als drei Jahren wissen Verwaltung und Gemeinderat, dass für den Schlachthof entweder ein alternativer Standort gefunden oder er einfach dicht gemacht werden muss. Wolfgang Bauer, Vorstandsvorsitzender der Holy AG als Hauptinvestor auf dem G & V-Gelände hatte schon vor zwei Jahren sybillinisch geäußert, dass man die Rahmenbedingungen so nehmen müsse, wie sie sind, aber hatte er hinzugefügt: »Die Stadt muss sich Gedanken machen, wo der richtige Platz für den Schlachthof ist.«
Hinzukommt, dass das Betreiben des Schlachthofs ein Zuschussgeschäft ist. Momentan subventioniert die Stadt das ortsnahe Schlachten mit jährlich 46 000 Euro. Vor einigen Jahren waren es rund 100 000 Euro. Dabei ist der Schlachthof nur einen Tag der Woche geöffnet.

Mehr Schlachttage, damit mehr Umsatz und weniger Abmangel, wurde aus Rücksichtnahme gegenüber den Anwohnern nicht erlaubt. Der Schlachthof, darüber waren sich im Gremium alle einig, kann am bisherigen Standort nicht erhalten werden, nicht zuletzt weil er technisch völlig überaltert ist. Aus den Reihen des Gemeinderats wurde nun das interkommunale Gewerbegebiet in Hengen ins Spiel gebracht, wo ein regionaler, moderner Schlachthof entstehen könnte. Die Stadt hat nun vom Gemeinderat den Schwarzen Peter erhalten. Sie soll Gemeinden aus den Kreisen Reutlingen und Tübingen dazu gewinnen, bei dem Projekt regionaler Schlachthof mitzumachen. Skeptisch zeigte sich Oberbürgermeister Ulrich Fiedler, der betonte schon bei einigen Kommunen angefragt zu haben. Es ist aber der Gemeinderat, der das Schlachthof-Thema verschlafen hat. Es wurde gewartet und gewartet, obwohl jeder wusste, was kommen würde.

Wenn den Metzingern, allen voran der Gemeinderat, der Einkauf von Fleisch und Wurst aus artgerechter Haltung und Schlachtung wichtig ist, dies schließt auch einen höheren Preis beim Kauf von Fleisch ein, dann sollte schnellstmöglich ein Standort auf eigener Gemarkung gesucht und investiert werden. Ansonsten waren die Diskussionsbeiträge Schaufensterreden. Noch ein paar Zahlen zum Schluss: In Baden-Württemberg gibt es noch 900 lizensierte Schlachtbetriebe, die im vorigen Jahr 490 000 Stück Vieh geschlachtet haben. In den drei größten Betrieben des Landes für Schweine werden bereits 70 Prozent der Tiere geschlachtet. Der Blick auf die Statistik zeigt, wohin der Weg für die Schweine und Rinder aus dem Ermstal und von der Alb künftig führen wird…