Keinen Brenner für Öl oder Gas im Keller, der Platz wegnimmt, kein Schornsteinfeger, der einen regelmäßig nervt und saubere Energie direkt ins Haus geliefert. Das ist Nahwärme. Und damit heizen bald im Metzinger Stadtteil Glems 23 Haushalte, aber auch die Otto-Single-Halle, der Kindergarten, die Schule und die Feuerwehr und ein Industriebetrieb beziehen die Wärme. Die Ursprünge für das Glemser Nahwärmekonzept gehen ins Jahr 2014 zurück. Grundgedanke war, den Energieverbrauch im öffentlichen und privaten Bereich zu reduzieren und damit den Klimaschutz voranzubringen. Gesagt, getan. Die Stadt hat einen Antrag zur Aufnahme des Ortsteils Glems in das KfW-Programm »Energetische Stadtsanierung« gestellt, der bewilligt wurde.

Mittlerweile sind fast fünf Jahre ins Land gegangen und im kalten Winter 2018/19 heizen einige Glemser mit der umweltfreundlichen Energie. Wie aber funktioniert Nahwärme? Bei Nahwärme handelt es sich um warmes Wasser, das über ein Leitungsnetz direkt zum Kunden transportiert wird. Diese Leitungen werden ähnlich wie Gas-, Wasser- oder Telefonleitung im Boden verlegt. An das Netz werden Wohngebäude angeschlossen und mit warmen Wasser aus dem Netz beheizt. Die Wärme kommt dabei aus einer Heizzentrale, die das Netz mit etwa 85 Grad Celsisus warmen Wasser versorgt. In Glems ist es ein gasbetriebenes Blockheizkraft, das in der Otto-Single-Halle sitzt. Die Stadtwerke und die Glemser starteten voll Euphorie in das Nahwärmeprojekt. Metzingens Bürgermeisterin Carmen Haberstroh (Kaufmännische Leiterin der Stadtwerke) meinte Ende 2017: »Für Glems ist das Projekt ein Quantensprung.« Als Wohnort werde das Dorf dank der ökologischen und effizienten Wärmeversorgung noch attraktiver. Überzeugt ist auch Ortsvorsteher Andreas Seiz, der sich stolz zeigte, dieses energie- und ressourcensparende Wärmeprojekt den Glemsern anbieten zu können.

Eine gewisse Ernüchterung lässt sich fünf Jahre nach Antragstellung nicht leugnen, wie Giancarlo Bragagnolo, Technischer Werkleiter der Stadtwerke, sagt. Im Gegensatz zur ursprünglichen Planung habe sich das Projekt als sehr viel zeitaufwändiger und langwieriger herausgestellt. Besonders der Aufwand bei der Akquise von Nahwärmekandidaten sei unterschätzt worden. Die Jahre 2016 und 2017 seien dafür aufgewendet worden. In 2018 sei dann das Leitungsnetz erstellt worden. »Jetzt ist es aufgebaut, die Leitungen liegen bis zu den Anschlüssen ins Haus, fünf Haushalte werden im Januar noch umgestellt«, so Bragagnolo. Mit dem derzeitigen Mix aus Privathaushalten und öffentlichen oder gewerblichen Gebäuden ist laut Werksleiter ein wirtschaftlicher Betrieb möglich. Er ist der Meinung, dass Nahwärme Zukunft hat und eine Ausdehnung beispielsweise auf die Innenstadt, neue Wohngebiete oder Gewerbeansiedlungen erfahren wird.    

Experten sehen zwar Vorteile bei den eingesparten Kosten der neuen Heizungstechnik. Denn neben einem Schornstein können Hausbesitzer dabei auch auf einen Gasanschluss oder ein Brennstofflager im eigenen Haus verzichten. Die Investitionskosten der zentralen Anlage lassen sich hingegen auf den Wärmepreis umlegen und so auf alle angebundenen Haushalte verteilen. Ein weiterer Vorteil der Nahwärme ist die hohe Effizienz der zentralen Heiztechnik. Vor allem Blockheizkraftwerke nutzen dabei den ganzjährigen Wärmebedarf und erzeugen Strom. Die Nachteile sind jedoch ebenfalls nicht zu übersehen. Die Anschlusskosten liegen bei 8500 Euro inklusive zehn Meter Leitungslänge. Jeder weiterer Meter kostet 263 Euro. Und je länger der Weg, desto größer der Wärmeverlust oder je höher die Kosten für Dämmung der Leitung. Der Grundpreis liegt bei 714 Euro im Jahr, der Messpreis bei 45 Euro und der Arbeitspreis bei 8,33 Cent je Kilowattstunde. Da Teilnahmeverträge meist langfristig eingegangen werden müssen, ist eine individuelle Reaktion auf Marktpreise oder Änderung von Emissionsschutzvorgaben nicht möglich. Daher gleicht der Nahwärmebezug ein wenig dem Prinzip »Mitgegangen, mitgefangen«.