Was haben Monsanto und der Begriff der »enkeltauglichen Landwirtschaft« miteinander zu tun? Eine ganze Menge wie sich schnell herausstellt. Monsanto, seit 7. Juni 2018 unter dem Dach der Bayer AG in Leverkusen, ist ein Imperium: Es steht für Gentechnik, für Patente auf Lebensformen und für Pflanzenschutzmittel. Das bekannteste nennt sich Roundup. Vertrieben wird Roundup seit 1974 in über 130 Ländern in einer Serie von Breitbandherbiziden, die in der Landwirtschaft Anwendung finden und auch von Hobbygärtnern verwendet werden. Der Wirkstoff ist das für fast alle Pflanzenarten toxische Glyphosat. Es steht außerdem im Verdacht, Krebs zu erregen und die Umwelt zu schädigen. Von sich reden gemacht hat Glyphosat vergangenes Jahr als die Europäische Union die Zulassung des Unkrautvernichters um weitere fünf Jahre verlängert hatte. Deutschlands Landwirtschaftsminister Christian Schmidt brüskierte damals mit seinem Alleingang die Regierungskoalition und die ökologische Lebensmittelwirtschaft. Am Tag danach wurde das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft gegründet. Auf der einen Seite also der Goliath Monsanto, auf der anderen Seite der David »enkeltaugliche Landwirtschaft« oder eine Stufe darunter das »Gentechnik freie Ermstal« - ein Arbeitskreis hinter dem sich eine kleine Gruppe von Aktivisten verbirgt unter anderem Karin Berkemer, Beate Pittas, Albert Mages und Hubert Schirmer, der seit fast 35 Jahren einen Naturkostladen in Metzingen betreibt. Jüngste Aktion des AKs war eine offene Tafel am Tag des offenen Denkmals unter dem Motto »Wir sind so frei und tafeln ohne Gentechnik«. 

Der AK Gentechnikfreies Ermstal existiert seit 2004 und kämpft seit dieser Zeit für eine Landwirtschaft ohne Ackergifte und Gentechnik, wie Karin Berkemer betont. Eingesetzt wird Gentechnik vorwiegend bei Mais, Soja, Baumwolle und Raps. Das Argument ist, dass die Weltbevölkerung rasant zunimmt. Im Jahr 2050 leben neun Milliarden Menschen auf der Erde und nur mit Gentechnik könne der Hunger in der Welt bekämpft werden. Dagegen setzt der AK, dass nie zuvor so viele Lebensmittel produziert wurden, ein Drittel davon werden aber in unserer Überflussgesellschaft weggeschmissen. Dennoch hungern mehr Menschen als je zuvor. Mit Gentechnik-Pflanzen, so Karin Berkemer, wird bisher ausschließlich Tierfutter, Baumwolle und Energie vom Acker produziert. In Entwicklungsländern konkurrieren sie so mit der Produktion von Lebensmitteln für lokale Märkte. Patente auf Gentechnik-Pflanzen bringen arme Bauern in neue Abhängigkeiten, da sie ihre Ernte nicht mehr zur Aussaat nutzen dürfen, ohne Lizenzen zu zahlen. Vor Ort die Leute informieren und sensibilisieren für einen achtsamen Umgang mit Lebensmitteln ist ein Hauptanliegen des AK.

Bei der gentechnikfreien Tafel in der Seyboldschule werden Schokoriegel, Buttermilch oder Schlagsahne präsentiert, die Gentechnik enthalten, weil tierische Erzeugnisse wie Milch, Fleisch oder Eier von Tieren verwendet wurden, die gentechnisch verändertes Futter bekommen haben. Sie sind rot gekennzeichnet. Gelb sind Lebensmittel, deren Hersteller zwar gentechnikfrei produzieren möchten, das aber nicht garantieren können, und Grün markiert sind Lebensmittel, die frei von Gentechnik sind. Die Krux ist, dass in Deutschland zwar eine Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel besteht, aber Produkte von Tieren, die gentechnisch verändertes Futter im Futtertrog hatten, nicht gekennzeichnet werden müssen. Bisher ist auch die genaue Wirkung der Mechanismen, mit denen bei Pflanzen und Tieren das Erbgut verändert wird, unklar. »Immer wieder tauchen bei gentechnisch veränderten Pflanzen unerwartete Eigenschaften auf«, so Karin Berkemer. Es ist ein fortwährender Kampf Klein gegen Groß, aber dennoch ist Hubert Schirmer verhalten optimistisch, dass das Bewusstsein der Menschen sich verändert. »Noch vor 25 Jahren hat Monsanto gedacht, den Weltmarkt zu erobern. Europa ist dank des Widerstands von unten immer noch fast sauber«, sagt Schirmer.