Punkt 18 Uhr schneite der bisherige Militärpfarrer im afrikanischen Mali, Pascal Kober (46) in die Wahlparty seiner FDP in Reutlingen herein. Ein kurzes Händeschütteln, ein Blick auf den Fernseher – über zehn Prozent, passt schon: Überschwänglich war das Jubeln des Liberalen nicht, denn auf Platz vier der Landesliste gerückt, wusste Kober schon vorher, dass er bald wieder sein Abgeordnetenbüro in Berlin einrichten würde. Kober war 2013 nach dem FDP-Wahldebakel aus dem Parlament geflogen, ging für vier Jahre zurück in seinen Beruf als Geistlicher.
Acht Volksvertreter aus den Wahlkreisen Tübingen und Reutlingen bekommen nun Sitzplätze im Reichstagsgebäude.

»Platz der Republik 1« auf dem Briefkopf: Das ist der Lohn für die bisherige Arbeit von Annette Widmann-Mauz (CDU), Martin Rosemann (SPD), Heike Hänsel (Linke) und Chris Kühn von den Grünen. Michael Donth (CDU) und Beate Müller-Gemmeke (Grüne) aus Reutlingen behalten ebenfalls ihr Mandat, neu hinzu kommt neben Pascal Kober (FDP) Jessica Tatti von den Linken. Letzteres geahnt hatten eine ganze Reihe politischer Beobachter – und das SWR-Fernsehen; zumal Tatti auf Platz fünf der Linken-Landesliste stand.

Und so wurde sie zum Wahlabend ins Berliner TV-Studio des Südwestrundfunks eingeladen. Zuvor überzeugte die 35-jährige Sozialarbeiterin und Reutlinger Stadträtin auch auf einem Metzinger Wahlpodium, wo sie laut Publikums-Meinung am besten abschnitt. Acht Abgeordnete aus der Region an der Spree, das ist eine gute Ausbeute – in jeder Hinsicht und über die Parteigrenzen hinweg. Denn für gewöhnlich halten diese Volksvertreter wie Pech und Schwefel zusammen, wenn es um die Interessen der großen Raumschaft südlich von Stuttgart geht; zum Beispiel bei der Verkehrs-Infrastruktur. Ein geschicktes Händchen sollte man ihnen allesamt wünschen. 


Doch was sich künftig im Land abspielen wird, ist heftig – und dürfte die Menschen sehr bewegen: So langweilig der Wahlkampf 2017 auch gewesen sein mag – es folgten bereits erste große Paukenschläge. Der deutschnationale Kampfverband AFD wird als drittstärkste Kraft nicht nur 94 Sessel im Reichstag belegen. Sollte die  undestagsverwaltung an ihrer bisherigen Praxis der »politischen Gesäßgeografie« festhalten, würde die AFD ganz rechts sitzen – und damit keine vier Meter von der Regierungsbank entfernt.


Und nur eine unlängst geänderte Geschäftsordnung verhindert, dass der gebürtige Ostpreuße Wilhelm von Gottwald (77) Alterspräsident des Bundestags wird. Der ehemalige Polizist und nun AFD-Abgeordnete sagte einst, dass der Völkermord an den Juden »ein wirksames Mittel zur Kriminalisierung Deutschlands« sei.
Derweil hofft Bundeskanzlerin Angela Merkel inständig, bis Weihnachten eine CDU/CSU-geführte Koalition auf die Reihe zu bringen – mutmaßlich in einer Zweckgemeinschaft mit FDP und Grünen. Für miese Stimmung sorgte am Montag allerdings Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der am Montag im Zorn zunächst sogar erwägte, die Weiterführung der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU infrage zu stellen.

Götterdämmerung: Während die Christsozialen am Sonntag mit 38,5 Prozent eine historische Niederlage einfuhren – und der als künftiger deutscher Innenminister gehandelte Joachim Herrmann sogar sein Bundestagsmandat verpasste, wurde die AFD in Sachsen, dem »dunklen Deutschland«, wie nicht nur der Spiegel den Freistaat nennt, dort stärkste Partei.


In helle Räumlichkeiten indes – rund um den Platz der Republik in Berlin – einziehen dürfen nun acht Männer und Frauen aus den Wahlkreisen Reutlingen und Tübingen. Und eigentlich können wir den aus Bad Urach stammenden Cem Özdemir von den Grünen ja auch hinzuzählen. Dem werden Chancen auf das Außenministerium eingeräumt. Wenngleich er dann einen etwas eingeschränkten Aktionsradius hätte. Özdemir, der das Erdogan-Regime zu Recht und weiterhin heftig kritisiert, würde bei der Einreise in die Türkei die Verhaftung drohen.