Von vorne zeigt die Enzian Seifenfabrik immer noch ihr tristes Gesicht, wie es die Metzinger seit Jahrzehnten kennen, ohne es noch richtig wahrzunehmen. Im hinteren Teil des Fabrik-Ensembles brummt jedoch bereits der Bagger und tut seinen Dienst. Damit wird beendet, was vor knapp zwei Jahren mit der Entlassung der Mitarbeiter und der Schließung des Werks seinen Höhepunkt fand. Der Gemeinderat hat den Neubeginn vorige Woche eingeläutet und den Bebauungsplan als Satzung beschlossen. Die Neubebauung wird laut Wolfgang Bauer bereits Anfang 2019 beginnen.

Bereits 2014 hatte die Holy AG das gesamte Areal gekauft und plant seither dort die Verlängerung der Outlet-City. Der Fall des Industriedenkmals, das keines ist, weil viel zu marode, symbolisiert das Ende der Industrialisierung in der Metzinger Innenstadt. 1857 gründete der aus Neuhausen stammende Georg Adam Bazlen am Marktplatz in Metzingen eine Seifensiederei. Es ist das erste Unternehmen Metzingens, das der chemischen Industrie zuzuordnen ist. Es ist der zweitälteste Industrie-betrieb Metzingens. 1876 erwirbt G. A. Bazlen am Lindenplatz ein Grundstück und verlagert den Betrieb an seinen heutigen Standort. Dort wird das Unternehmen in den Folgejahren immer wieder erweitert. 1939 wird in der Römerstraße das so genannte Werk II errichtet. Mit der Entwicklung des ersten Schaum-waschmittels für Waschmaschinen nimmt Bazlen am Wirtschaftsauf-schwung teil. Zuletzt wurden 75 Prozent der Produktion für große Handelsmarken hergestellt.

Doch das ist Geschichte. Nun sollen fünf neue Gebäude entstehen. Erhalten bleibt lediglich das Heizhaus mit Kamin - wegen seiner hohen gestalterischen Qualität (Backsteinensemble) und der ortsbildprägenden Wirkung, wie es so schön im Verwaltungsdeutsch heißt. Umgesetzt werden die preisgekrönten Pläne des Stuttgarter Architekturbüros Bottega und Erhard. Kritik kam aus den Reihen der Verwaltung einzig wegen der Höhe des Gebäudes, das direkt am Totensteg gegenüber dem Friedhofseingang gebaut werden soll. Fünf Stockwerke soll es hoch werden. Seitens des Gemeinderats kamen keine Einwände. Er sah es als Gegenpol zum Joopgebäude am anderen Ende des Areals direkt am Lindenplatz. Durch die von der Erms abgerückten Neubebauung wird eine großzügige, etwa vier Meter breite Uferpromenade entstehen, die die Erms sowohl für die Bürger als auch für die Besucher Metzingens erlebbarer macht. Gleichzeitig entstehen Wege, die das bisher unzugängliche, heterogene Gebäudekonglomerat durchziehen. Ob, wie gewünscht damit das Areal in die bestehende Stadtstruktur zu integriert wird, bleibt dahingestellt. Die Anbindung der Outlets an die Reutlinger Straße - wenige Meter weiter Ermsabwärts - hat bis heute nicht funktioniert. Eine ansprechende Fassadengestaltung soll den Bereich zwischen Lindenplatz und Martinskirche städtebaulich harmonisch abrunden. 

Auf dem Areal selbst ist ein Mix aus Einzelhandel, Gastronomie, Büros und Praxen sowie Wohnen angedacht. Die erforderlichen Stellplätze werden in einer Tiefgarage untergebracht, die von der Mühlwiesenstraße angefahren wird. Eine Andienung über den »Totensteg«, der zu Konflikten mit dem benachbarten Friedhof führen könnte, ist ausgeschlossen. Die Einzelhandelsnutzung ist jedoch wegen des raumordnerischen Vertrags, der mit den Städten Reutlingen und Tübingen sowie mit dem Regierungspräsidium geschlossen wurde, auf maximal 2400 Quadratmeter Verkaufsfläche ausschließlich kleinflächig und im Erdgeschoss unter Ausschluss der Sortimente Bekleidung, Schuhe/Lederwaren und Sport beschränkt. Die vorgesehene Nutzungsvielfalt soll zur weiteren Stärkung der Wohn- und Geschäftslage im Kernstadtbereich beitragen. 

Nach der Neugestaltung des Gaenslen & Völter-Areals, das im nächsten Jahr abgeschlossen sein wird, ist der Abriss der Enzian-Seifenfabrik der zweite tiefe chirurgische Eingriff in die Physiognomie der Sieben-Keltern-Stadt. Metzingens Weg vom Industrie- zum Dienstleistungs-standort ist unaufhaltsam und das Ausbreiten der Outlet-City vermutlich auch. Das mag einem gefallen oder nicht. Anders jedoch als bei Schönheitsoperationen am menschlichen Antlitz, die nicht immer gelingen, ist der optische Gewinn für Bürger und Besucher schwer zu leugnen.