Wissen Sie was eine Omega-Lage ist? Wer nun auf einen Schweizer Luxusuhrenhersteller tippt, liegt komplett daneben. Mit dem griechischen Buchstaben wird eine Wetterlage bezeichnet, die seit Wochen ganz Deutschland und halb Europa beherrscht und die Menschen über die Hitze stöhnen lässt. Superlative machen die Runde: der nächste Jahrhundertsommer wird ausgerufen und reflexhaft wird der Klimawandel als Menetekel an die Wand gemalt. Die Auswirkungen der langen Trockenheit sind jedoch unverkennbar - und da macht das Ermstal keine Ausnahme. Braun ist das neue Grün auf den Wiesen und Parkflächen, die Obst- und Weinernte setzt früher ein, in den Arztpraxen werden Liegen aufgestellt, weil bei den älteren Bürger die Hitze zum Kreislaufkollaps führt. Für Kinder und Jugendliche dagegen sind mitten in der Ferienzeit Schwimmbad und Baggersee die Lieblingsplätze. Profiteure sind die Produzenten von Speiseeis, Klimaanlagen, Bierbrauer und Getränkelieferanten. Noch ist es nicht soweit, dass die Kommunen im Ermstal den Wasserverbrauch einschränken, wie am Bodensee schon geschehen, wo das Landratsamt seit voriger Woche ein generelles Wasserentnahmeverbot für Oberflächengewässer wie Bäche, Flüsse und Weiher erlassen hat.

»Hombre, ist das mörderheiß hier.« Was vor Jahren die SWR-Musikredaktion unter dem Titel »Äquator, Ventilatorrrr« als Gag auf Sashs »Equador« produzierte, hat sich zu einem musikalischen Dauerbrenner entwickelt. Denn mediterrane Verhältnisse gehören bei uns hier zur Tagesordnung. 
Fakt ist, dass bereits 15 Jahre nach dem letzten Jahrhundertsommer der nächste Rekord »droht«. Was die Temperaturen anbelangt, liegen die beiden Sommer noch in etwa gleichauf. Der gravierendste Unterschied zu 2003 liegt in der lang anhaltenden Dürreperiode, die seit April - mit kurzen Unterbrechungen - anhält. Seit Februar dominieren mächtige Hochdruckgebiete über Großbritannien und Skandinavien und halten die atlantischen Tiefausläufer in einer großen Schleife (Omega-Lage) ab, Einfluss auf das Wetter in Deutschland zu nehmen.
Eine solche Konstellation führt zwangsläufig zu Folgen in der Landwirtschaft. Die Bauern beklagen massive Ausfälle: Neben den Ackerbaubetrieben, die deutlich geringere Mengen ihrer Marktfrüchte einfahren, leiden nach Angaben des Deutschen Bauernverbands besonders die Futterbaubetriebe. 

Beim Obst sieht es so aus, dass Sorten in den Streuobstwiesen und Gärten in diesem Jahr gut drei Wochen früher reif als üblich sind. Noch ist unklar, wie die Bäume auf den Trockenheitsstress reagieren werden. Auch die Wengerter werden früher die Trauben einholen können. Die Badener lesen schon in der ersten Augustwoche Sorten wie Regent, Solaris und einige Reben Müller-Thurgau. Der erste Federweiße dürfte dieser Tage im Handel sein. Bei den Württemberger Winzern gehört die Rebsorte Acolon zu den ersten, die gelesen und gekeltert werden. Bis jetzt sind die Winzer noch optimistisch, denn mehr Sonne bedeutet mehr Reife und mehr Zucker und damit auch mehr Alkohol. Zudem wurzeln die Weinreben tief, das verhindert das Verdursten.
Eine nicht zu unterschätzende Gefahr bei den aktuell hohen Temperaturen sind Waldbrände. Die Vegetation und die obere Bodenschicht im Wald trocknen rasch aus. Dürres Laub, Nadelstreu und abgestorbene Gräser brennen wie Zunder. »Mit Blick auf die Wettervorhersagen wird die Waldbrandgefahr in den kommenden Tagen weiter ansteigen«, sagte der Leiter des Kreisforstamts Reutlingen, Werner Gamerdinger. Vor allem lichte Bereiche entlang von Straßen und Wegen sowie an Grillstellen oder Waldparkplätzen seienbesonders betroffen. »Dort können eine achtlos weggeworfene Zigarettenkippe, offenes Feuer oder Funkenflug zu verheerenden Folgen führen«, so der Forstexperte.

Nicht nur die Angst vor Waldbränden treibt die Menschen um, mit einher geht die Gefahr von Unwettern, die sich bei solchen Wetterlagen schnell aufbauen und für Überschwemmungen sorgen, wie es im Juni beispielsweise in Metzingen der Fall war. Den Klimawandel zu leugnen ist keine Option, nicht jede extreme Wetterlage ist allerdings ein Indiz für die Erderwärmung. »Wenn jedes Ereignis mit dem Klimawandel verbunden wird, ist die Frage obsolet und verkommt zur reinen Volkserziehungsmaßnahme, zu einem ökologischen Hypermoralismus, auf den die breite Mehrheit gleichgültig reagiert«, schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Und noch sind wir in Sachen Hitzesuperlativ nicht am Ende: Schweizer Forscher haben herausgefunden, dass das Jahr 1540 noch trockener war als 2003 oder 2018. Damals spazierten die Menschen bei Basel trockenen Fußes durch den Rhein und sammelten im ausgetrockneten Bodensee römische Münzen.