Es vergeht kaum ein Tag, in dem nicht Meldungen über sexuellen Missbrauch an Kindern oder Jugendlichen die Menschen schockieren. Das Schlimmste daran ist, dass sexuelle Gewalt nicht irgendwo da draußen in der Welt passiert, sondern in der nächsten Nachbarschaft, wo es niemand vermuten will und die meisten nicht genau hinsehen wollen. Josefine Barbaric will nicht wegsehen, sie will aufmerksam machen auf das Leid dieser Kinder. Sie hat 2017 das Kinderbuch »Nein, lass das!« herausgebracht und dazu den gleichnamigen Verein gegründet. Was die zweifache Mutter antreibt, wird schnell klar: Aufgewachsen ohne Eltern, in der Jugend pendelnd zwischen Erziehungsheimen und einem halbe Dutzend Pflegefamilien war sie als Kind selbst mit körperlicher und sexueller Gewalt konfrontiert. »In Deutschland ruft man lieber den Tierschutz, als jemanden anzuzeigen, dass er sein Kind misshandelt«, klingt es ernüchternd aus ihrem Mund.

Und dies obwohl sexuelle Gewalt an Kindern in allen Medien präsent ist. Es passiert von staatlicher Seite ihrer Meinung nach immer noch viel zu wenig. Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs ist bedrückend. Nach Schätzungen von Experten werden mindestens 40 Kinder jeden Tag in Deutschland Opfer von sexueller Gewalt. Das sind mehr als 14 000 Kinder jährlich. Laut einer sozialwissenschaftlicher Studie von Professor Jörg Fegert aus dem Jahr 2016 ist anzunehmen, dass in jeder Schulklasse in Deutschland mindestens zwei Opfer von sexueller Gewalt sitzen. Oder anders, jeder siebte bis achte deutsche Erwachsende mindestens einmal in seinem Leben mit dieser Gewaltform konfrontiert wurde. Die Dunkelziffer liegt, so Josefine Barbaric, viel höher. Es wird davon ausgegangen, dass nur jeder 15. bis 20. Fall zur Anzeige gebracht wird. Das sind mindestens 300 000 Kinder- und Jugendopfer jährlich. Am häufigsten betroffen sind Kinder im Kindergarten und Grundschulalter, doch auch schon Säuglinge und Kleinkinder werden Opfer von sexueller Gewalt. Täter und Täterinnen gehen davon aus, dass sie bei sehr jungen Opfern kaum riskieren, dass die von ihnen verübten Verbrechen von Dritten erkannt werden.

Mit ihrem Buch will die 43-Jährige den Kinder helfen, sie will sie stark machen. Sie sollen Nein sagen dürfen, sie sollen Sicherheit und Selbstbewusstsein entwickeln, »denn wer sich sehen will, muss sich geborgen fühlen«, sagt sie. In dem Buch wird eine kurze Geschichte erzählt, die sich um den kleinen Jungen Kraft dreht. Illustriert wurde das Buch von Gecko Keck. Auf wenigen Seiten wird der Alltag einer alleinerziehenden Mutter und ihrem kleinen Sohn erzählt. Wichtig war Josefine Barbaric, dass kindgerechte und keine fachlichen Begriffe verwendet werden. Der gleichnamige Verein soll das Vehikel sein die Mitmenschen aufzuklären, Transparenz zu schaffen und mitzuhelfen, dass das Umfeld besser hinschaut. Sexuelle Gewalt findet nach wissenschaftlichen Untersuchungen am häufigsten innerhalb der engsten Familie statt beziehungsweise im weiteren Familien- und Bekanntenkreis, zum Beispiel durch Nachbarn oder Personen aus Einrichtungen oder Vereinen, die die Kinder und Jugendlichen gut kennen (circa 75 bis 90 Prozent). Sexuelle Gewalt durch Fremdtäter ist eher die Ausnahme. Die meisten Täter sind Männer (etwa 80 Prozent) und sie kommen aus allen sozialen Schichten. »Ich habe es irgendwann nicht mehr ertragen, darüber zu lesen, davon zu hören«, benennt sie den Antrieb für die Vereinsgründung. So optimistisch sie vor zwei Jahren gestartet ist, damals noch in Riederich wohnend, jetzt lebt sie mit ihrem jüngsten Sohn im Metzinger Stadtteil Neuhausen, so sehr treibt sie um, dass es nicht schnell genug vorangeht. »Die Mühlen unserer Gemeinden, Landkreise und Landespolitik zum Thema Kinderschutz mahlen langsam und vieles bleibt Augenwischerei.

»Wer Kinder nachweislich schützen will, muss die Familien besser stellen«, sagt sie »und dies nicht nur im Landkreis, sondern im ganzen Land.« Seit der Pressekonferenz im Juli 2018 von Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann, zum Thema »Initiative Schule gegen sexuelle Gewalt« sei nichts passiert. 
4 300 Schulen gibt es in Baden-Württemberg, aber nur 150 Präventionsbeauftragte, vom ganz normalen Lehrermangel gar nicht zu reden. So lastet der Hauptteil der Präventionsarbeit weiter auf dem Ehrenamt, beklagt Josefine Barbaric. Und das Geld komme überwiegend aus Spenden. Sie nimmt die Kommunen und Landkreise in die Verantwortung. Es braucht mehr Beratungsstellen, mehr Personal angesichts der Dimensionen von sexueller Gewalt bei Kindern in unserer Gesellschaft. Aufgeben ist aber nicht die Sache der Vertriebsspezialistin. Sie wird sich weiter dafür einsetzen, Gesellschaft und Politik über dieses brisante Thema aufzuklären. Und wenn sie dafür selbst in die Politik muss. Den ersten Schritt hat sie getan. Bei der Kommunalwahl am 26. Mai kandidiert sie um einen Sitz im Ortschaftsrat. 

Der Verein kann durch Spenden unterstützt werden: Kreissparkasse Göppingen, »Nein, lass das!« e. V., IBAN: DE41 6105 0000 0049 0817 43. Das Buch ist auch online, auf der Facebook-Seite des Vereins, erhältlich.