Gut zwei Jahre sind es her, dass die Deutsche Bahn einen Schildbürgerstreich erster Güte produzierte, der den Metzinger Bahnhof um seine Minimalanfor-derung für einen barrierefeien Zugang der Gleise 2 und 3 brachte. Seither versucht die Stadt nach Kräften die Bahn dazu zu bringen, die Barrierefreiheit wieder herzustellen. Die Bahn gab Ende Oktober grünes Licht für drei Aufzüge. Wer jedoch das Tempo der Deutschen Bahn in Sachen Baumaßnahmen kennt, der weiß sich in Geduld zu üben. Fünf bis sechs Jahre werde es wohl dauern. Für Stadt und Gemeinderat zu lange.

Ein Blick zurück:
Kurz und schmerzlos teilte die Bahn im September 2016 mit, dass im Zuge der Gleisumbau-maßnahmen im Bahnhof der noch bestehende höhengleiche Übergang (ehemalige Karrenüberfahrt) vom Hausbahnsteig 1 zum Bahnsteig Gleis 2/3 abgebaut wird. Dieser stand bisher als Überweg für Behinderte oder mobilitätseingeschränkte Reisende, wie es die Bahn nennt, mit entsprechender Anmeldung zur Verfügung. Den mobilitätseingeschränkten Bahnkunden bleibt nur mit fremder Hilfe der Weg im Rollstuhl über die Treppen oder wie es die Bahn so schön formulierte: Die alternativen Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten in den Bahnhöfen Reutlingen und Bempflingen. Im Klartext heißt dies nichts anderes, als dass einem Behinderten, der mit dem Zug von Reutlingen nach Metzingen fahren will, zugemutet wird, dass er bis Bempflingen weiterfährt, dort in einen von Stuttgart kommenden Zug umsteigt und zurück nach Metzingen fährt, damit er barrierefrei an Gleis 1 aussteigen kann. Nun will die für die Bahnhöfe zuständige Deutsche Bahn Station & Service AG in drei Aufzüge rund 4,5 Millionen Euro investieren. Davor steht das Eingeständnis des verantwortlichen Regionalleiters Michael Groh, man habe das Problem ein Stück weit zu spät erkannt. Das ist sicherlich die Untertreibung des Jahres. Die drei Aufzüge sollen an Gleis 1, 2 und 4 gebaut werden. Doch halt: Es gibt in Metzingen bislang kein Gleis 4.

Nun kommt der Provinzposse zweiter Teil:
Die Erms-Neckar-Alb Bahn AG (Enag) lässt im Zuge der Regionalstadtbahn (Modul 1), die von Bad Urach über Reutlingen und Tübingen bis Horb verkehren soll und elektrisch betrieben wird, ein viertes Gleis bauen, um den geplanten halbstündigen Taktverkehr zu gewährleisten. Dass die Regionalstadtbahn, an der der Landkreis mit 40 Prozent und die Kommunen Metzingen, Dettingen und Bad Urach mit je 20 Prozent beteiligt wird, allein für Metzingen um 80 000 Euro teurer wird, wundert schon niemand mehr. Wenn das Gleis 4 im Jahr 2022 fertig ist, gibt es dort aber keinen Aufzug, weil die Enag davon ausgegangen ist, dass der Bahnhof nicht barrierefrei ist. Diese Planung, so heißt es, könne nicht mehr rückgängig gemacht werden. 

Also baut die Enag zunächst ein Gleis ohne Aufzug, erst danach macht sich die DB Station & Service AG an die Aufzüge. Einer soll an Gleis 1 entstehen, der zweite an den Gleisen 2 und 3 und der vierte am neuen Gleis 4. Ungläubigkeit herrschte ob dieser zeitlichen Abfolge im Ratsgremium. Illusionen hat jedoch, wer glaubt, dass bei der Bahn ein kurzfristiges Umdenken möglich wäre. Michael Groh von der Bahn betonte, dass erst der Bahnsteig 4 an der Noyon-Allee kommt und erst danach der Einbau des Aufzugs. Angesichts solcher bürokratischen Verhärtungen war der Vorstoß der Metzinger Inklusionsbeauftragten Ute Kern-Waidelich den so genannten Karrenübergang wieder zu aktivieren von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Groh stufte diesen als zu gefährlich ein. Metzingens Bahnhof bleibt also auch die nächsten sechs Jahre ein abschreckender Ort für alle Menschen mit Mobilitätseinschränkungen.